Ausschreibung Nachwuchswettbewerb 2027 – Rolle rückwärts oder Sprung nach vorn?

Finale Nachwuchswettbewerb 2027
Bar&Co, 10. – 25. Mai 2027
10 Spieltermine um 20 Uhr

Transformation ist, darin besteht Einigkeit, in der gegenwärtigen Polykrise eine
Notwendigkeit. Über Ursachen und Ausgestaltung herrschen jedoch Uneinigkeit und
Polarisierung. Einigkeit besteht wiederum darüber, die Transformation einer als be-
drohlich empfundenen Gegenwart führe tendenziell zu einer Änderung zum wie
immer definierten Positiven.

Zu dieser Annahme besteht in der Rückschau nicht zwingend Anlass: Die „große
Transformation“ am Ende des 18. Jahrhunderts führte zur Verelendung breiter zu
Lohnabhängigen degradierter Bevölkerungsschichten; die Transformation zur Plan-
wirtschaft führte zu Hungersnöten; nach dem Zusammenbruch von Planwirtschaft
und Ostblock ausgerufene Systemtransformationen versandeten oder spülten
autokratische Kleptokratien nach oben. Die digitale Transformation unter der Ägide
von Tech-Oligarchen, die ihre Körper zu unsterblichen Männlichkeits-maschinen
transformieren wollen, lässt Dystopien vorausahnen.

Transformation provoziert Gegenbewegungen. Während die einen sich abgehängt
fühlen, sehen die anderen ihre Besitzansprüche gefährdet. Die Transformation
erfolgt damit zwangsläufig von unterschiedlichen (sozio-)ökonomischen und
ideologischen Standpunkten aus. Der zum jeweils ausgerufenen Transformationsziel
zurückzulegende Weg erfordert unterschiedliche Anstrengungen und Geschwindig-
keiten. Verschärft wird die Problemlage dadurch, dass vergrößerte Teilhabe auf der
einen Machtverzicht auf der anderen Seite erfordert; letzterer ging selten gewaltlos
von statten. Von Transparenz lässt sich nicht sprechen, ohne die Ambivalenz des
Begriffs mit zu denken.

Damit stellen sich die Fragen: Wer wird überholt? Was ist mit dem:der Einzelnen,
die:deren Bewusstsein und unmittelbaren Lebensumstände transformiert werden?
Drohen Transformationen als Rolle rückwärts zugunsten von Partikularinteressen in
die Gegenrichtung umzuschlagen? Wie können zukünftige Transformationen im
Interesse des Gemeinwohls erfolgen? Wer sind die potenziellen Akteur:innen der
Transformation, wer wird zu Zuschauer:innen degradiert? Welche Gefahren birgt es,
wenn Transformation zum Willkürakt gigantomanischer Techbros oder Ziel von
großen Erzählungen mobilisierter Kollektive wird?

Erfolgen sie am besten als bedachtsames Zeppeln auf ausgetretenen Mittelwegen,
als zunächst kaum wahrnehmbares Drehen an kleinen Stellschrauben, als großer
Sprung, der die Gefahr des Stolperns und Stürzens – wenn es sein muss, dann auch
über Leichenberge – in Kauf nimmt, oder als „schleichende Transformation“ in
neurechte Autoritarismen? Sind Transformationen der verzweifelte Versuch, dem
Zusammenbruch noch einen Haken zu schlagen? Hat sich der Transformations-
begriff zum zahmen Ersatzbegriff für Revolution entwickelt, der die Chimäre von
Kontrollierbarkeit vermittelt?

Wir laden junge Theatermacher:innen ein, Konzepte für Kurzprojekte zum Thema
einzureichen. Die drei spannendsten Projekte/Gruppen erhalten 7.000 €, die
Gelegenheit, drei Wochen im Theater Drachengasse zu proben und anschließend
ihre Arbeiten in einer Spielserie von 10 Tagen zu präsentieren.

Die Gewinner:innen des Wettbewerbs werden über Juryentscheid bzw. Publikums-
abstimmung ermittelt. Der Jurypreis beträgt 15.000 €, zur Verfügung gestellt vom
Theater Drachengasse für die weitere Ausarbeitung des Projektes. Die Drachen-
gasse stellt Bar&Co samt Infrastruktur für die Produktion in der darauffolgenden
Saison zur Verfügung. Der Publikumspreis beträgt 1.000 €.

Wir bieten: 7.000 € Budget pro realisiertem Projekt (beinhaltet Projektentwicklung
und 10 Spieltage), Proberaum für 3 Wochen, Bühne: 3,5 x 5 m, technische Grund-
ausstattung vorhanden und PR, Werbung, Marketing, dramaturgische Betreuung
Teilnehmer:innen: Theaterkünstler:innen in Ausbildung oder am Beginn ihrer
Berufslaufbahn. Der Fokus liegt auf Text, Schauspiel und Regie (minimale bühnen-
technische Ausstattung). Wir empfehlen eine dem zur Verfügung gestellten Budget
angemessene Teamgröße.

Projektvorschläge sind bis einschließlich 12. Oktober 2026 (24 Uhr) zu richten an:
newcomer@drachengasse.at mit dem Betreff „Bewerbung Nachwuchswettbewerb
2027“ oder per Post an: Theater Drachengasse, 1010 Wien, Fleischmarkt 22, Kennwort:
Newcomer:in