Aufruf zum Brus Day – Tag der Kunst im öffentlichen Raum am 6. Juli 2020

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An jedem 6. Juli kommen Österreichs Kunstschaffende aus den Galerien, Konzertsälen, Ateliers, Theatern, Tanzstudios, Schreibstuben, Musiklokalen, Tonstudios usw. auf Straßen und Plätze und setzen hör- und sichtbare Marken.

Der bildende Künstler und Dichter Günther Brus ist seit seinem legendären Stadtspaziergang am 6. Juli 1965 als Symbol des Bemühens der Kunstschaffenden um den öffentlichen Raum in die Kunstgeschichte eingegangen. Dabei ging er Minuten, weiß übermalt, ein schwarzer Stich von oben nach unten, ein kurzes Stück durch die Wiener Innenstadt. Der Schock der Boulevard-Medien und der Exekutive ist für heutige Verhältnisse kaum denkbar.

Heute verwendet die Stadt Wien die Fotos von Günter Brus‘ Spaziergangs-Happening in der Kulisse der Hofburg gerne als Dokument des liberalen Klimas, der Aufgeschlossenheit, der Modernität und der Freiheit der Kunst in der Walzerstadt. Kein Wort darüber, dass Brus wenige Minuten,  nachdem diese Fotos gemacht wurden, von der Polizei festgenommen und empfindlich bestraft wurde. 

Die Notwendigkeit der Inbetriebnahme des öffentlichen Raumes durch die Freiheit der Kunst und die freie Meinung hat in diesen Tagen neue Bedeutung bekommen. Wenn der Bundeskanzler einen Auftritt in den Bergen im Stile der Hansi-Hinterseer-Fan-Wanderungen ohne Schutzmaßnahmen und Abstand (auf eigene Weisung ausdrücklich ohne Polizei) ungestraft veranstaltet, andererseits drei Personen im selben Bundesland mit scharfer Waffe und Warnschüssen angehalten werden, weil sie zu nah aneinander gewesen sein sollen, dann ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten! Wenn Polizisten in Ausübung ihres Dienstes wieder in der Öffentlichkeit dunkelhäutige Personen ermorden können, weil es der Regel des Racial Profilings entspricht, und sie dabei gar keine Schuldeinsicht juckt, dann ist es schon zu spät. 

Dass der erste „Tag der Kunst im öffentlichen Raum“ gerade in die Zeit der totalen Verbote und Bestrafungen und des faktisch totalen Verbotes von öffentlicher Kunstausübung und -Rezeption fällt, scheint also logisch. Tatsächlich wird diese längst fällige Initiative im Rahmen des „Institut ohne direkte Eigenschaften“ unabhängig von der Aktualität schon seit einiger Zeit diskutiert und vorbereitet. Auslöser dazu war der 80. Geburtstag von Günter Brus, der in Österreich zuerst gejagt und bestraft wurde und heute von denselben Leuten als einer der wichtigsten lebenden Künstler gewürdigt und gefeiert wird.

Die Kunst muss sich den öffentlichen Raum, der sowieso dem Souverän, den Menschen, und nicht der Verwaltung gehört, nach wie vor mühsam erkämpfen. Deswegen soll der 6. Juli ab sofort als „Brus Day“, als „Tag der Kunst im öffentlichen Raum“, in des Wortes wahrstem Sinne, „begangen“ werden. MusikerInnen sollen hörbar intervenieren! AutorInnen, wo auch immer, aus ihren Texten lesen und ihre Bücher anbieten! TänzerInnen, SchauspielerInnen, ArtistInnen werden auf öffentlichen Plätzen performen. Bildende werden ihre Staffeleien aufstellen, ausstellen, malen, zeichnen, portraitieren und modellieren. FotografInnen mögen den Tag, an dem sich die Kunst ihren Raum zurückerobert hat, dokumentieren. Usw. Das alles in der Öffentlichkeit. Ohne Gnadengesuch, ohne Behördenschikane, ohne Anmeldung, spontan!

Die Zeit ist tatsächlich knapp, die nicht abschätzbaren Sperren und Verbote des Frühlings 2020 haben keine längere und intensivere Vorbereitung zugelassen. So wird der Brus Day 2020 vielleicht nicht so lückenlos stattfinden wie der 2021.

Wenn uns die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler ihre Vorhaben, vor allem Uhrzeit und Orte, rechtzeitig rückmelden, so können wir das an die Kollegen der Medien weiterleiten: 

brus.day@chello.at

Seitens der Künstlerschaft ist das Konzept österreichweit bisher schnell angenommen worden. Dieses ist zusammengefasst: Es gibt keinen Veranstalter, keine Organisation, keine Auftraggeber. Kunstschaffende treten an öffentlichen Plätzen, Gassen und Parks nach der Art der Flashmobs auf. Kurz, lang und/oder wiederholt. 

Am Montag, 22. Juni 2020, 11 Uhr, lädt das IODE zur Pressekonferenz, bei der sich auch Teilnehmende mit ihren Vorhaben zu Wort melden sollen (Stadtkino im Künstlerhaus, Wien 1, Karlsplatz 5 unter Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften – bitte um Anmeldung per Mail w.o.!). 

Das Institut ohne direkte Eigenschaften trifft sich im Perinetkeller, wo hauptsächlich künstlerische Vorträge stattfinden. Das IODE wird selbst mit weiß bemalten Darstellern auftreten. 

Wir freuen uns auf diese längst fälligen Performances! 

Erich Félix Mautner 

für das INSTITUT OHNE DIREKTE EIGENSCHAFTEN