Das Aus des Zuverdienstes neben dem AMS Bezug bedroht Künstler:innen und wird teuer.
IG Freie Theaterarbeit warnt: Neue Zuverdienstregeln drängen Künstler:innen aus dem Beruf und gefährden die Vielfalt an Veranstaltungen und Produktionen in Österreich.
Die angekündigte Neuregelung zum Zuverdienst während des Bezugs von AMS-Leistungen ab 01.01.2026 trifft die freie darstellende Szene ins Mark. Eine von der IG Freie Theaterarbeit (IGFT) durchgeführte kurze Umfrage zeigt deutlich: Für viele Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen ist der geringfügige Zuverdienst keine „Nebenoption“, sondern eine zentrale Überlebensstrategie – und zugleich Voraussetzung dafür, in einem projektbasierten Beruf überhaupt arbeitsfähig zu bleiben.
In nur sechs Tagen nahmen 167 Personen aus der darstellenden Szene in Österreich kurzfristig an der Erhebung teil. 64,7 % gaben an, dass die Arbeit in der freien Szene ihr Hauptberuf ist, weitere 34,7 % arbeiten bereits in mehreren Jobs parallel. Besonders alarmierend: Mehr als jede vierte Person (26,9 %) ist aktuell von der Neuregelung betroffen, 61,7 % erwarten Auswirkungen in naher Zukunft. Es handelt sich also nicht um eine Randfrage, sondern um ein Problem, das die gesamte Struktur freier Kulturarbeit betrifft.
Die Umfrage ergab, dass die Streichung bzw. massive Einschränkung des Zuverdienstes nicht zu mehr Beschäftigung führt – sondern zu Projektabsagen, Einkommensverlusten, weniger Sichtbarkeit und letztlich dann auch zum Ausstieg aus dem Beruf. Zahlreiche Rückmeldungen berichten von Existenznot, weil AMS-Leistungen alleine häufig nicht einmal die Fixkosten decken. Viele nennen konkrete Beträge: rund 900 bis 1.000 Euro monatlich bei gleichzeitig hohen Wohnkosten. Der bisherige Zuverdienst – oft bis zur Geringfügigkeitsgrenze – war für viele der einzige Weg, Lücken zwischen Engagements zu schließen, ohne auf Mindestsicherung aufstocken zu müssen (welche wieder von der öffentlichen Hand finanziert werden muss). Künstler:innen bleiben nicht dauerhaft im AMS-Bezug, sondern sind aufgrund ihrer projektweisen Tätigkeiten höchstens ein paar Monate zwischen Engagements und Aufträgen darauf angewiesen.
Die Neuregelung trifft in Kunst und Kultur genau jene Arbeitsrealität, die für die (freie) Szene typisch ist: kurze Engagements, tageweise Anstellungen, unplanbare Projektzeiten, wechselnde Auftraggeber:innen. Wer etwa eine einzelne Vorstellung, einen Workshop, eine Lesung oder einen Sprecher:innenjob annimmt, riskiert künftig den gesamten Anspruch auf AMS-Leistungen – selbst wenn das Honorar deutlich unter der Geringfügigkeit liegt. Das erzeugt einen gefährlichen Widerspruch: Arbeiten wird finanziell unattraktiv oder sogar unmöglich, weil kleine Jobs zum Verlust der gesamten Absicherung führen können.
Die Befragten schildern zudem, dass nicht nur das Einkommen wegbricht, sondern auch der berufliche Anschluss: Kleine Projekte sind oft der Einstieg in größere Kooperationen. Wenn diese Möglichkeiten wegfallen, sinkt die Chance auf Folgeengagements. Mehrfach wird betont: „Wir wollen arbeiten“ – aber unter den neuen Regeln würden ausgerechnet jene bestraft, die aktiv bleiben, präsent sein und ihr Netzwerk erhalten müssen. Ein AMS-Bezug ist für Künstler:innen kein Dauerbezug, sondern ein finanzieller Bestandteil einer Überbrückung zwischen Aufträgen.
Auch Arbeitgeber:innen – also etwa Theaterbetriebe, Veranstalter:innen von Lesungen, Theatergruppen – warnen vor Folgen: Wenn Kolleg:innen keine kleinen, kurzfristigen Tätigkeiten mehr annehmen können, werden Produktionen schwieriger umsetzbar. Zudem droht eine Verlagerung in unzulässige Arbeit: Einige Rückmeldungen sprechen offen davon, dass Menschen „zur Illegalität gezwungen“ würden, wenn legale geringfügige Tätigkeiten nicht mehr möglich sind.
Die IGFT sieht damit nicht nur individuelle Existenzen gefährdet, sondern die Realität einer gesamten Branche. Wenn Künstler:innen in Zeiten zwischen Projekten gezwungen sind, branchenfremde Vollzeitjobs anzunehmen, verlieren sie die Verfügbarkeit für Proben- und Produktionszeiträume. Das Ergebnis ist schlicht: Wer nicht verfügbar ist, bekommt keine Engagements – wer aber verfügbar bleibt, kann ohne Zuverdienst nicht leben.
Ulrike Kuner, Geschäftsführung der IG Freie Theaterarbeit:
„Die Umfrageergebnisse zeigen, wie real die Angst vor dem Verlust der künstlerischen Arbeit und dem sozialen Absturz ist – und wie kontraproduktiv die Neuregelung wirkt. In einer Szene, die von Kurzzeitbeschäftigung und Projektarbeit lebt, braucht es flexible Lösungen. Kunst und Kultur sind oft nicht ausreichend bezahlte Arbeit – und sie brauchen soziale Absicherung, die diese Realität abbildet.“
Die IGFT fordert daher eine rasche Nachbesserung der Regelung: Ein Zuverdienstmodell, das projektbasierte Arbeit ermöglicht, statt sie zu verhindern. Nur so können viele Künstler:innen und Kulturarbeitende in ihrem Beruf bleiben, ihre Qualifikationen weiterentwickeln und überhaupt wieder aus dem AMS-Bezug herauskommen.
Ergebnisse der Umfrage „Aus für Zuverdienst neben dem AMS“ (unkommentiert).
Rückfragen:
Ulrike Kuner, Geschäftsführung IGFT
u.kuner@freietheater.at
