Presseaussendung: Arbeitsstipendien in Wien müssen erhalten bleiben!

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Unser Appell: Do not do it!

Das gefährliche Austrocknen von Künstler:innen und künstlerischer Entwicklung:

Die Stadt Wien darf die Arbeitsstipendien für die freie darstellende Szene nicht kürzen!

Die Stadt Wien hat 2022 Arbeitsstipendien für Künstler:innen der Freien Szene ins Leben gerufen. Für die darstellende Kunst waren dies seither 12 Stipendien á € 18.000 für Theater; 12 á € 18.000 für Tanz/Performance/zeitgenössischer Zirkus[1]. Ein längst fälliger Schritt, der ein nachhaltiges, professionelles Arbeiten der Künstler:innen unterstützt und international eine State-of-the-Art Förderung darstellt. Denn: Künstler:innen müssen an ihren Inhalten und Ideen, an ihrer Technik und ihrem künstlerischen Ausdruck kontinuierlich arbeiten. Im bestehenden Projektfördersystem, das wenige Wochen Proben und Vorstellungen abdeckt, wird dies nicht mitbedacht. Und weder Projektförderungen noch Jahres- bzw. Mehrjahresförderungen decken die Nachfrage auch nur entfernt ab.

Arbeitsstipendien sind dafür gedacht, Künstler:innen Zeit für Recherche und Konzepte zu geben, auf denen sie aufbauen und Stücke realisieren können. Gerade in Wien hat sich nicht zuletzt deshalb eine starke und überzeugende Freie Szene entwickelt, die international eingeladen wird, die Preise gewinnt, die über neue inhaltliche Gedanken neue Formate entwickelt. Und in Summe sehr viel Publikum generiert – von ganz jung bis ganz alt -, um an vielen Orten die Stadt ungewöhnlich, neu und oft sehr niederschwellig zu bespielen. Was nur die Freie Szene schafft.

Für 2026 wurden nun plötzlich nur noch 2 x 5 Arbeitsstipendien bewilligt. Eine Kürzung der Arbeitsstipendien bringt keine große Ersparnis, trägt aber massiv zu Frust und Verunsicherung unter den Künstler:innen und zu einem gefährlichen Austrocknen der künstlerischen Inhalte und Angebote bei. Niemand versteht, warum gerade bei den Arbeitsstipendien und direkt bei den (oft prekär) arbeitenden Künstler:innen gespart werden soll.

Daher: Wir appellieren an die Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler auf, die ausstehenden vierzehn weiteren Arbeitsstipendien für 2026 ebenfalls zu gewähren. Wien darf kein negatives Vorbild werden, und darf vor allem nicht auf die dort arbeitenden Künstler:innen vergessen. Wien hat einen Ruf zu verlieren!

Wir haben vier Künstler:innen gefragt, welche Bedeutung Arbeitsstipendien haben. 

Veronika Glatzner (Regisseurin, Schauspielerin)

„Die Arbeit als freie Künstlerin bedeutet, mich atemlos von Projekt zu Projekt(einreichung) zu hanteln und ein Überleben zwischen und mit den unterschiedlichen künstlerischen Projekten zu finden. Mit dem Arbeitsstipendium über 12 Monate finanziell abgesichert zu sein, hat mir ermöglicht, ohne Zeitdruck kreativ tätig zu sein. Zu entwerfen, zu forschen, zu planen und ein größeres Rechercheprojekt umzusetzen, das als Fundament meine künftige künstlerische Arbeit neu ausrichtet. Es braucht diese Phasen des intensiven und kontemplativen Arbeitens, um sich als Künstlerin weiterzuentwickeln und produktiv zu bleiben“.

Inge Gappmaier (Choreografin, Tänzerin)

Das Arbeitsstipendium der Stadt Wien ist ein Instrument, das grundlegende künstlerische Arbeit würdigt, die meist unbezahlt bleibt: Recherche und Reflexion, Kommunikation mit Menschen sowie das Schaffen spontaner, niederschwelliger Kunst- und Kulturvermittlungsprojekte. Es ermöglicht, weniger Zeit für Bürokratie und Anträge (um überhaupt arbeiten zu können) aufzuwenden und sich stärker der gesellschaftlichen Aufgabe von Künstler:innen zu widmen – zeitgenössische Entwicklungen zu beobachten, zu reflektieren und in künstlerischer Form zum Diskurs beizutragen.

Ich konnte in diesem Jahr meine künstlerische Handschrift schärfen, nachhaltige Arbeitsweisen und Produktionsstrategien erproben und eine kleine Ausstellung mit Vermittlungsprogramm realisieren. Zudem hatte ich mehr Kapazität für den Austausch mit dem Publikum und konnte mein lokales wie auch internationales Netzwerk festigen. Diese Form der Grundsicherung trägt dazu bei, dass Künstler:innen weniger im Produktionsdruck institutioneller Strukturen gefangen sind, sondern eingebettet in die Gesellschaft agieren – und so einen wichtigen Beitrag für kulturelle Entwicklung, sozialen Zusammenhalt und demokratisches Miteinander leisten können. Die Kürzungen genau dieser Förderung künstlerischer Arbeit ist fatal in Hinblick auf die Verankerung von Kunst in der Gesellschaft sowie deren innovativen, vielfältigen und qualitativ hochwertigen Ausformung!“

Christiane Hapt (Zeitgenössische Zirkuskünstler:in)

„Für mich wichtige Punkte eines Arbeitsstipendiums sind: Es schenkt Zeit. Intensive Zeit, um neue Zirkustechniken zu erlernen. Diese Zeit brauchen wir, um die technische Qualität zu entwickeln, um auch im internationalen Touring bestehen zu können. Das ist im Normalfall ein langer Prozess, wobei Arbeitsstipendien sehr helfen – sei es von der Stadt Wien, sei es vom Bund. Diese Zeit wird in den jetzigen Projektförderungen nicht mit abgedeckt, was zu Stagnation in der persönlichen Entwicklung, und damit auch der Österreichischen Zirkusszene führt.

Arbeitsstipendien ermöglichen, neue Formate auszuprobieren (was neue Publikumsschichten mit sich bringt), international breiter zu recherchieren und sich um internationale Netzwerke zu erweitern. Arbeitsstipendien sind eine Anerkennung für Künstler:innen, aber auch für die Fördergebenden: In meinem aktuellen Stipendium (Thema: artistic accessibility im Zirkus – Fokus auf Sehbeeinträchtigung) reise ich sehr viel und trete viel in Kontakt mit Theaterhäusern, Kollektiven, Künstler:innen, um zu sehen, wie sie arbeiten. Ich recherchiere genreübergreifend, und in meinen vielen Gesprächen wird die Unterstützung durch die Stadt Wien immer wieder positiv angemerkt. Arbeitsstipendien eröffnen auch die Möglichkeit, längere internationale Residencies anzunehmen. Im Zirkus sind Residencies sehr wichtig, um spätere Touringpartner:innen bereits in der Kreationsphase zu gewinnen. Viele davon sind in Belgien und Frankreich und decken nur anteilig die Kosten. Aber Arbeitsstipendien ermöglichen auch Materialeinkäufe für neue Requisiten, oder eine Miete für einen Proberaum. Das Wichtigste ist wohl die Möglichkeit, Recherche zu betreiben, ohne einen einengenden) Produktionsdruck zu haben, und durch die Grundsicherung, die das Stipendium darstellt, freier zu arbeiten“.

Charlotta Ruth (Choreografin, Tänzerin)

„Das Arbeitsstipendium ermöglichte mir, eine spezifische Medienübersetzungs-Praxis in Bezug auf öffentliche Räume zu entwickeln. Diese Praxis, die Kettenkreationen, ist kein fertiges künstlerisches Werk, sondern eine Praxis und eine Haltung zum Alltag. Das Stipendium hat mir dabei geholfen, künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum zu entwickeln und diese Praxis in Form von sozial engagierten Workshops im öffentlichen Raum anzuwenden. Die Praxis nutzt mir also auch bei Aktivitäten, die ich erst jetzt, ein Jahr später, umsetze und in der Zukunft plane.

Außerdem hatte ich Zeit, mein Portfolio und meine Website zu überarbeiten sowie kleinere Aufträge, beispielsweise Konferenz- und Festivalbeiträge, besser vorzubereiten. Mit Hilfe des Arbeitsstipendiums konnte ich auch viele Anträge schreiben. Mir wurde dank des Arbeitsstipendiums eine SHIFT-Förderung für das Jahr 2025 zugesagt und zum ersten Mal eine Gesamtförderung für das Jahr 2026. Das Arbeitsstipendium hat auch mein künstlerisches Standing verbessert, da Arbeitsstipendien in vielen anderen Ländern üblich sind und als Zeichen künstlerischer Qualität und Anerkennung gelten“.

[1] Alle fünf Jahre können Künstler:innen um ein Arbeitsstipendium ansuchen, die Fördergeberin fördert „produktionsunabhängige, längerdauernde Arbeitsprozesse, Recherchevorhaben zur Generierung neuer Themen und künstlerisch profunde, transdisziplinäre Forschungsprozesse in der tanz- und performancebezogenen Praxis inklusive zeitgenössischem Zirkus. Damit soll die Weiterentwicklung der Vielfalt der darstellenden Künste in Wien, die Schaffung von nachhaltigen Möglichkeitsräumen für die Entwicklung innovativer Ansätze und neuer Ideen für das Erproben neuer Arbeitstechniken und künstlerischen Praktiken unterstützt werden“.

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