Kommentar und Anregungen der IG Freie Theaterarbeit zur Situation der freien darstellenden Künste

OFFENER BRIEF
IG Freie Theaterarbeit am 17.02.2021

Sehr geehrter Herr Vizekanzler Mag. Werner Kogler,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin Mag. Andrea Mayer,
sehr geehrte Frau Landeshauptfrau Mag. Johanna Mikl-Leitner,
sehr geehrte Frau Stadträtin Mag. Veronica Kaup-Hasler,
sehr geehrte Frau Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál,
sehr geehrter Herr KommR Peter Hanke,
sehr geehrte Frau Landesstatthalterin Dr. Barbara Schöbi-Fink,
sehr geehrte Frau Landesrätin Dr. Beate Palfrader,
sehr geehrter Herr Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser,
sehr geehrter Herr Landeshauptmann Mag. Hans Peter Doskozil,
sehr geehrter Herr Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer,
sehr geehrter Herr Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer,
sehr geehrter Herr Landesrat Mag. Christopher Drexler,
sehr geehrter Herr Finanzminister Mag. Gernot Blümel,

Sicherheit, Sichtbarkeit, Ideen und Investitionen

Für die darstellenden Künstler*innen und Theater bleiben die Arbeits- und Aufführungsbedingungen auf unbestimmte Zeit unsicher. Derzeit bis zumindest Ostern – also bis Anfang April 2021 -, aber auch darüber hinaus werden Proben und Vorstellungen anders stattfinden als vor der Pandemie. Damit werden die Akteur*innen der darstellenden Künste künftig leben und arbeiten müssen.

Das Virus und seine Mutationen werden uns noch längere Zeit begleiten und in unserem Tun und Handeln beeinflussen. Es hat das gewohnte Verhalten aller Beteiligten in der darstellenden Kunst bereits nachhaltig verändert. Dies gilt für das Publikum, fast noch mehr aber für die Künstler*innen und Mitarbeiter*innen an Theater-, Tanz- und Performanceproduktionen sowie im zeitgenössischen Zirkus, die den großen Herausforderungen der Schutzmaßnahmen und des erhöhten Ansteckungsrisikos sehr direkt ausgesetzt sind.

Investition in Strukturen 

Sicherheit steht an erster Stelle. Von den Vertreter*innen der Kultur- und Finanzpolitik sind daher Investitionen gefordert, die sichere Proben-, Arbeits- und Aufführungskonditionen ermöglichen. Gerade in der freien Szene entsprechen viele Räume nicht den Anforderungen von Abstandsregelungen, modernen Lüftungs- und auch (Einweg)-Leitsystemen. Hier werden sehr bald Investitionen in Strukturen notwendig, damit sichere Orte für – zunächst – Proben entstehen können, in denen in weiterer Folge aber auch Vorstellungen erlaubt werden können und die sich langfristig als flexibel nutzbare Arbeitsräume für die besonderen Anforderungen der darstellenden Künste entfalten.

Konkret geht es um Investitionen in bestehende Strukturen (z.B. Einbau moderner Lüftungssysteme, mehr Ausgänge, zusätzliche Proberäume, Ausbau der technischen Einrichtungen für hybride und digitale Formate, professionelle Aufzeichnungen, flexible Bestuhlungen etc.). Aber auch neue Strukturen wie permeable Probe- und Arbeitsräume sind anzudenken – sprich: Neubauten mit zeitgemäßer Technik, entsprechender Größe, Lüftungskonzepten etc., die neue und sicherere Begegnungen von Künstler*innen und Publikum ermöglichen, gerade auch außerhalb des gewohnten klassischen Vorstellungsbetriebs.
Und: Diese Strukturen müssen in enger Absprache mit der Szene entstehen.

Ideen und langfristige Förderformate 

Die Unterstützungsleistungen für die Künstler*innen sind ausgerollt und werden gut angenommen.

Es braucht darüber hinaus Ideen für neue Förderformate, die langfristig installiert werden können. Gerade jetzt müssen die Künstler*innen unterstützt werden, damit diese in und an ihren künstlerischen Ausdrucksformen weiterarbeiten können. In Tirol bereits als Förderschiene etabliert, muss der Know-How-Aufbau an technischen/digitalen Möglichkeiten in allen Bundesländern unterstützt werden – und den Künstler*innen direkt und schnell zugänglich sein. Der Austausch über spannende Ideen und Erfahrungen mit digitalen und hybriden Formaten sowie Wissen über Publikumsbindung und -aufbau muss geteilt und gefördert werden, etwa über Workshopreihen. Förderformate müssen offener werden, sich auf die künstlerische Arbeit fokussieren und auf die Entwicklung von inhaltlichen Ideen und formalen Neuerungen abzielen.

Die Zeit sollte jetzt genutzt werden, Programme und Gelder zur Verfügung zu stellen, die die Künstler*innen in ihrer Arbeit und deren Formate voranbringen und auf die Anforderungen der nächsten Jahre vorbereiten. Es sind Investitionen in die Zukunft der Künstler*innen, aber auch des Publikums.
Beide Seiten müssen sich sicher fühlen und sichere Orte der Arbeit und der Begegnung vorfinden können, damit sich die Kunst – auch mit neuen Formaten und unter neuen Parametern – entwickeln und stattfinden kann. Die Neugier aufeinander und das Vertrauen untereinander kann nur so (wieder) hergestellt werden.

Sichtbarkeit und Vermittlung 

Über die vorhandenen Kanäle (Österreich-Werbung, Bundesländer-Werbung etc.) sollte eine breite Kampagne über Künstler*innen und die Potenziale der Kulturschaffenden lanciert werden. Damit wird nicht nur den Künstler*innen wieder zu Sichtbarkeit verholfen, sondern auch auf künstlerische Arbeiten hingewiesen, die beim Publikum wieder Neugierde wecken und Lust auf kommende Projekte machen. Die Künstler*innen brauchen jetzt breite Aufmerksamkeit, die NICHT auf die Unmöglichkeit des Spielens hinweist, sondern viel mehr auf kommende interessante Projekte.

In diesem Zusammenhang steht auch die Frage der Vermittlung. Auch hier wird es künftig neue themenbezogene Ideen und Formate geben müssen, die besonderer Unterstützung bedürfen. Neue Ansätze sollen diskutiert und umgesetzt werden – zum Beispiel in Fokusgruppen, die alle Beteiligten spartenübergreifend, digital und international einschließen: Die Künstler*innen, Vertreter*innen des Publikums und aller Publikumsschichten und -generationen, Veranstalter*innen, Pädagog*innen. Erfolgreiche Vermittlungsarbeit weckt Interesse und Verständnis für Kunst und Kultur, gewinnt künftige Zuschauer*innen und verankert Kunst und Kultur breit in der Gesellschaft.

Viele Ideen sind gefragt, aber vor allem eines: Ein Bekenntnis zu Investitionen in die Zukunft der von der Pandemie am meisten betroffenen Sparte: Die darstellenden Künste und deren Akteur*innen.

Ulrike Kuner
Geschäftsführung IG Freie Theaterabeit

Inge Gappmaier, Veronika Glatzner, Barbara Herold, Daniela Oberrauch, Martin Ojster, Sara Ostertag (Obfrau), Sabine Reiter, Charlotta Ruth.
Vorstand IG Freie Theaterarbeit


Die IG Freie Theaterarbeit wurde 1988 gegründet und ist Mitglied im Kulturrat Österreich. Seit 2018 ist sie Gründungsmitglied und Sitz des Europäischen Dachverbands der Freien Darstellenden Künste (EAIPA) mit Mitgliedern in derzeit 17 Ländern.

Kontakt für Nachfragen:
IG Freie Theaterarbeit
Geschäftsführung: Ulrike Kuner
E-Mail: u.kuner@freietheater.at