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Staying Alive – Meine Rechte als Künstler_in Teil 2: JOB AQUISE UND MENTORING

Die Veranstaltungsreihe Staying Alive – Meine Rechte als Künstler_in ging am Montag, den 18. 11. 2019, mit der Infoveranstaltung JOB-AQUISE und MENTORING in die zweite Runde. Im Zentrum stand die Frage, wie man als freie Schauspielerin/freier Schauspieler überleben kann. Die Interessent_innen fanden sich diesmal im Off-Theater ein, um sich von der Schauspielerin Sophie Resch und der Schauspielerin und Regisseurin Elke Hartmann Infos zu möglichen Arbeitsfeldern und Tipps und Tricks für Bewerbungen, Castings und Vorsprechen, Gagenverhandlungen, Networking und die analoge wie auch digitale Selbstpräsentation zu holen. Die beiden boten ein spannendes und dichtes Programm, wobei auch der Dialog mit den Anwesenden nicht zu kurz kam.

In einer Einführung sprachen Sophie Resch und Elke Hartmann, die bereits selbst in unterschiedlichen Bereichen tätig waren, über mögliche Arbeitsfelder von Schauspieler_innen. Nach abgeschlossener Ausbildung haben diese die Möglichkeit, im Theater, für Film, Fernsehen und Werbung, als Sprecher_in oder im pädagogischen Bereich zu arbeiten. Nicht immer und vor allem als Schauspielanfänger_in ist es aber so einfach, an fair und ausreichend bezahlte Engagements zu kommen. Zudem können auf Projekte längere Durststrecken folgen. Viele freie Schauspieler_innen sind daher auf (Zweit-) Jobs angewiesen, die ihnen ein sicheres Einkommen garantieren, aber außerhalb ihres eigentlichen Berufsfeldes liegen. Sophie Resch weiß aus ihrem Umkreis, dass die Gefahr dabei groß ist, den Fokus zu verlieren und eine Doppelbelastung zu einer Erschöpfung an Kapazitäten führt. Darunter leide die Qualität der schauspielerischen Leistung. Sie riet den Anwesenden, sich in Zeiten ohne Engagements weiterzubilden und in Übung zu bleiben. Das heißt konkret: Gesangs-, Tanz-, Sprech- oder Drehtrainings zu besuchen. Da es im Laufe einer Karriere aufgrund fehlender Jobangebote, aus gesundheitlichen Gründen oder während einer Schwangerschaft immer wieder zu spielfreien Zeiten kommen könne, sei es wichtig, sich als Schauspieler_in möglichst breit aufzustellen. Das steigere die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und mache offen für Alternativen. Elke Hartmann hatte gleich mehrere Vorschläge für die Besucher_innen: So gebe es die Möglichkeit, Lesungen auf Geburtstagen und Weihnachtsfeiern anzubieten, Sprecher_innenjobs anzunehmen oder zu unterrichten (etwa einfach zu erlernende Theatersportkurse). Als mögliche Arbeitgeber_innen könnten auch die Rote Nasen Clowndoctors, Dinner&Crime-Anbieter_innen oder der DM-Drogerie Markt Deutschland infrage kommen, der Schauspieler_innen für Theater-Workshops einstellt.

Den Hauptteil des Abends widmeten die Expertinnen der Frage:

Wie bewerbe ich mich für Jobs beim Film, am Theater, in der Werbung oder als Sprecher_in?

Im Idealfall haben Schauspieler_innen bereits erfolgreich an mehreren Projekten mitgewirkt, sich einen Namen gemacht und ein Netzwerk aufgebaut. Sie werden weiterempfohlen oder von Topagenturen vertreten, die gut bezahlte Aufträge vermitteln.

Die Realität sieht für viele Künstler_innen aber häufig anders aus – besonders für jene, die sich noch am Anfang ihrer schauspielerischen Karriere befinden.

Wie Sophie Resch und Elke Hartmann berichteten, erfolgt die Besetzung von Rollen im Theater, Film und in der Werbung zumeist über Kontakte, Empfehlungen und Agenturen. Ausschlaggebend wären zudem der Ruf und die Präsenz von Schauspieler_innen. Für den Aufbau von Netzwerken und die analoge wie auch digitale Selbstpräsentation von Schauspieler_innen hatten die beiden Vortragenden folgende Tipps:

Um Kontakte zu knüpfen, sollten Premieren, Filmnächte, Festivals, Fortbildungen und Workshops besucht werden. Ein Netzwerk aufzubauen, so Hartmann, brauche allerdings Zeit und Kontaktpflege, denn aus Kalkül gesponnene Beziehungen würden nur selten zu einer Zusammenarbeit führen. Um weiterempfohlen zu werden, so Resch, müsse man sich einen guten Ruf erarbeiten. Dazu gehöre es, pünktlich, zuverlässig, unkompliziert, authentisch und ein guter Teamplayer zu sein. Um mögliche Arbeitgeber_innen, Regisseur_innen, Caster_innen und Agenturen auf sich aufmerksam zu machen, rieten die Expert_innen, auf Facebook und Instagram präsent zu sein und sich eine Homepage und Profile auf diversen Plattformen einzurichten (siehe weiterführende Links unten). Dort können Schauspieler_innen Fotos, Showreels und ihre Vita hochladen.

Wie Sophie Resch erklärte, ist es das Ziel von Schauspieler_innen, von einer renommierten Agentur vertreten zu werden. Eine gute Agentin/ein guter Agent kümmere sich nicht nur um die Vermittlung von Schauspieler_innen, sondern auch um rechtliche Belange und eine bestmögliche Bezahlung. Zudem würden Schauspieler_innen ohne Agentur oder Kontakte zu Caster_innen, nur selten von Castings für Film, Fernsehen oder Werbung erfahren. Schauspieler_innen, die noch nicht von einer Agentur unter Vertrag genommen worden sind, empfiehlt sie eine Meldung bei einer Massenagentur wie Actors&Company, um über Stellenangebote informiert zu werden.

Ausschreibungen für Theaterrollen finden Schauspieler_innen in den regelmäßig von der IG Freie Theater ausgesendeten Newsletter, auf unserer Homepage oder dem Portal Theapolis. Elke Hartmann betonte die Wichtigkeit, sich darüber hinaus mit Kolleg_innen über Vorsprechen und Castings auszutauschen, Intendantenwechsel zu beobachten, Blindbewerbungen zu versenden und sich nicht nur auf die großen Theaterhäuser in Wien zu konzentrieren. Sophie Resch schlug vor, auch an Theater in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu schreiben und zu von Theatern angebotenen Informationsvorsprechen zu gehen. Selbst wenn gerade keine Stellen vergeben werden, bleibe man vielleicht der einen oder anderen Person für zukünftige Projekte in Erinnerung.

Wie aber soll eine Bewerbung aussehen?

Eine Bewerbung für eine Rolle am Theater wie auch für Agenturen, so die Expertinnen, sollte mehrere Portrait- und Ganzkörperfotos, eine Vita und einen Introtext beinhalten. Die Fotos sollten den eigenen Typen unterstreichen (bei Film und in der Werbung sind meist bestimmte Typen gefragt) und wache, klare Ausdrücke zeigen. Von Beautyshots, retuschierten und Rollenbildern rieten die Expertinnen ab. Für die Bewerbung bei einer Agentur benötigen Schauspieler_innen zusätzliche Showreels. Da Agenturen viele Zusendungen erhalten und nur wenig Zeit haben, diese genau zu prüfen, riet Sophie Resch, zwei bis drei kurze Szenen (jeweils ca. 40 Sekunden) aufzunehmen. Die Videos müssen keinen professionellen Ansprüchen genügen und können selbst gedreht werden. Schauspieler_innen sollten in den Aufnahmen in zwei Rollen mit unterschiedlichen Emotionen zu sehen sein, oder frei zu einem Thema improvisieren. Immer beliebter bei Agenturen und Caster_innen, so Resch, sind auch sogenannte About Me Videos, in denen Schauspieler_innen sich knapp vorstellen und von ihren Fähigkeiten erzählen.

Der Introtext einer Bewerbung sollte „kurz und knackig“ formuliert werden und schlüssig darlegen, warum man Teil einer Agentur bzw. einer Theaterproduktion sein wolle. Die beiden Vortragenden und der anwesende Schauspieler, Regisseur, Autor und Leiter des Off-Theaters Ernst Kurt Weigel waren sich einig, dass es bei Bewerbungsschreiben an Theater wichtig sei, sich zuerst Infos über eine Spielstätte einzuholen und sich einen Überblick über die dort gezeigten Stücke zu verschaffen. Weigel, der im Jahr an die 200 Initiativbewerbungen erhält, berichtete, bei Introtexten oder Vorstellungsgesprächen sehr schnell zu merken, ob jemand sich wirklich mit seinem Theater und seiner Arbeit auseinandergesetzt habe. Keines seiner Stücke gesehen zu haben, sei für ihn ein Ausschlusskriterium.

Wird man von Theatern, Regisseur_innen oder Caster_innen zu einem Vorsprechen eingeladen, ist eine gute Vorbereitung entscheidend. Um nicht ins Stocken zu geraten, sollten sich Schauspieler_innen vorab in kurzen, klaren Sätzen überlegen, was sie über ihre Person sagen möchten. Für Vorsprechen an einem Theater sollten drei Monologe (ein moderner, ein klassischer und ein lustiger Text) vorbereitet werden. Die Vortragenden legten den Zuhörer_innen ans Herz, sich nicht durch Unterbrechungen irritieren zu lassen, denn dies müsse nicht zwingend etwas Negatives bedeuten. Sophie Resch empfahl außerdem, auf schwer handhabbare Requisiten zu verzichten, und Kleidung so auszuwählen, dass ein Kostümwechsel nicht viel Zeit in Anspruch nimmt.

Für Film- und Fernsehcastings, so die Schauspielerin, müssten Texte besonders gut vorbereitet und auf schnelle Anschlüsse hin gelernt werden, denn oft werde verlangt, einen Text schneller, auf unterschiedlichen Spots oder in mehreren Versionen vorzutragen. Es sei auch klug nachzufragen, ob man in Ganzkörper- oder in Nahaufnahme zu sehen sei, um sich gegebenenfalls mehr auf die Körperarbeit bzw. auf die Gesichtsmimik konzentrieren zu können. Manchmal komme es vor, dass Schauspieler_innen um sogenannte E-Castings gebeten werden. Hierfür seien selbstgedrehte Videos (Handyqualität reiche völlig aus) gefordert, in denen sich Schauspieler_innen kurz vorstellen und vor weißem Hintergrund mit einer Anspielpartnerin/einem Anspielpartner eine Szene sprechen.

Um an Sprecher_innenrollen zu kommen, rieten Hartmann und Resch, professionelle Demos anfertigen zu lassen, diese an Tonstudios, Radio- und Fernsehsender zu schicken oder sie auf die Plattform VOICE hochzuladen. Da es sehr viele talentierte Sprecher_innen mit hochwertig aufgenommen Demos gebe, reiche es nicht aus, Textproben selbst zuhause einzusprechen. Darüber hinaus haben Sprecher_innen die Möglichkeit, an Stimmcastings von Tonstudios teilzunehmen und in deren Karteien aufgenommen zu werden.

Zuletzt widmeten sich Sophie Resch und Elke Hartmann den heiklen Themen Gagen und Gagenverhandlungen. Wie aus den Erklärungen der Expertinnen und den Meldungen aus dem Publikum hervorging, verlaufen Gagenverhandlungen ohne Agent_innen meist erfolglos. Am ehesten, so Hartmann, ließe sich über mehr Fahrtengeld und höhere Zuschüsse für Unterkünfte sprechen. Nachverhandlungen sollten aber auf jeden Fall angestellt werden, wenn sich der Arbeitsaufwand größer gestalte als vorhergesehen.

Obwohl es, wie Ernst Kurt Weigel informierte, einen gewerkschaftlichen Mindestlohn in Österreich (1500€ brutto/40 h Woche) sowie von der IG Freie Theater und der „Wiener Perspektive“ vorgeschlagene Richtgagen gibt, bezahlen nicht alle Theater ihre Schauspieler_innen fair. Die Anwesenden waren sich darüber einig, dass man ein Gespür dafür bekommen müsse, ob man von Arbeitgeber_innen über den Tisch gezogen wird. Wie Hartmann und Resch erklärten, helfe es auch, sich mit Kolleg_innen über Gagen auszutauschen. Allerdings sollte dies erst nach Beendigung eines Projektes gemacht werden, um das Arbeitsklima nicht zu stören. Besonders in der Werbebranche, die am meisten Geld zur Verfügung hätte, so Resch, versuche man die Entlohnung von Schauspieler_innen zu drücken. Sie riet den Anwesenden, gerade dort selbstsicher nachzuverhandeln und darauf zu achten, dass Buyouts und Extraverrechnungen für Print nicht aus den Verträgen gestrichen werden.

Nähere Infos zu Arbeitsrecht und Verträge gibt es bei unserer nächsten Infoveranstaltung am Dienstag, den 26.11.2019, von 18.00-20.00. Im studio brut (Zieglergasse 25, 1070 Wien) wird der Rechtsanwalt Wolfgang Renzl über das Theaterarbeitsgesetz, Vertragsdetails sowie Rechte und Pflichten von Künstler_innen und Theatern sprechen und über diverse Vertragsarten (Kollektivverträge, Kettenverträge, Bühnenverträge etc.) aufklären.

Der Eintritt ist wie immer frei! Wir freuen uns auf Euer Kommen!

Weiterführende Links zu den Empfehlungen der Vortragenden Sophie Resch und Elke Hartmann:

Mögliche Berufsfelder:

https://www.rotenasen.at/unsere-clowns/das-rote-nasen-ausbildungsprogramm/

https://www.dm.de/unternehmen/engagement/menschen-bei-dm/abenteuer-kultur-c534994.html

Weiterbildung:

https://filmschoolvienna.at/ausbildung/meisner-training-sessions/

https://www.drehuebung.com/

Jobausschreibungen:

https://freietheater.at/en/igft_post/?cat=jobs

https://www.theapolis.de/de/

Agentur:

http://www.actors.company.at/

Profile für Vita, Fotos und Showreels:

https://www.filmmakers.de/index/index?cr=1

https://www.schauspielervideos.de/

https://www.castforward.de/

https://www.castupload.com/

https://www.k360.net/

https://at.linkedin.com/

Portal VOICE zum Hochladen von Sprecherdemos:

https://www.sprecherverband.at/preferred-studios.html

Buchtipp:

Dorothea Neukirchen: Vor der Kamera. Camera-Acting für Film und Fernsehen

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