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IG Freie Theaterarbeit zur Konzeptförderung 2018-2021

IG Freie Theaterarbeit zur Konzeptförderung 2018-2021

 

Nach über zehn Monaten Beratungszeit hat die Wiener Theaterjury in der vergangenen Woche ihre Empfehlungen zur Konzeptförderung für Darstellende Künste 2018-2021 vorgestellt.

Einige wenige Freie Gruppen sind erstmals in der 4-Jahresförderung vertreten. Für den überwiegenden Teil der in der neuen Runde geförderten Freien Gruppen blieben die empfohlenen Summen hinter deren Erwartungen zurück. International erfolgreiche Wiener Ensembles etwa erhalten trotz steigender Kosten abermals den unveränderten Förderbetrag. Darüber hinaus hat die Jury einige bislang konzeptgeförderte Gruppen lediglich mit ein- und zweijährigen Förderperspektiven bedacht.

Ein Ende der Konzeptförderung hat für die betroffenen Gruppen zumeist dramatische Konsequenzen. Nach Jahren erfolgreicher Arbeit nun aus der Konzeptförderung zu fallen, gerät für die meisten Künstler_innen zur unmittelbaren Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz.

 

Wir fordern die Kulturpolitik auf, sozial verträgliche Ausstiegsszenarien
für nicht mehr geförderte Künstler_innen zu entwickeln.

 

Anders als bei ehemaligen Leiter_innen von Mittelbühnen und Privattheatern, denen gegenüber sich die Stadt Wien wiederholt erfreulich generös zeigte, ist sie ihrer sozialpolitischen Verantwortung gegenüber freien Künstler_innen bislang nur unzureichend nachgekommen.

 

Gemeinsames Ziel muss sein, die Gleichung Freie Kunst = Prekariat endlich aufzulösen!

 

Auch frühere Konzeptförderungsjurys haben die Notwendigkeit bekräftigt, die Förderhöhen anzuheben, um gesetzeskonforme Anstellungen und Honoraruntergrenzen zu garantieren. Eine Umsetzung in der Förderpraxis lässt bislang auf sich warten.

Das durchschnittliche Einkommen österreichischer Künstler liegt bei etwa 1000,- Euro monatlich und somit knapp über der Armutsgefährdungsgrenze. Das Einkommen von Künstlerinnen liegt nochmals 30% darunter.

 

Prekariat hat einen Genderaspekt.

 

Vor dem Hintergrund knapper werdender Budgets ist es hoch an der Zeit die gesamte Wiener Theaterlandschaft insgesamt neu zu überdenken und die kontinuierlich weiter aufklaffende Schere zwischen bislang ausreichend auf der einen und in schlechter Tradition zu niedrig dotierten Organisationen auf der anderen Seite zu schließen. Künftige Förderungen sollen Index-Anpassungen, Generationsmanagement und gendergerechte Bezahlung professioneller künstlerischer Tätigkeiten berücksichtigen.

 

Freie „Freie Szene“?

 

Das Budget für die Freien beziffert der Kulturstadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny mit stattlichen 25 Millionen Euro – ein Budget, das sich auch im internationalen Vergleich in der Tat sehen lassen kann.

Allein die großen Brocken dieses Fördertopfs erhalten Spielstätten und Privattheater, die man in Wien früher zum Bereich der „Mittelbühnen“ gezählt hat. Darunter sind zweifellos auch Institutionen, die der Freien Szene notwendige Infrastruktur bereitstellen. Die eigentliche Freie Szene jedoch, nach wie vor der Fokus neuer ästhetischer Entwicklungen und politischer Haltung in der zeitgenössischen Darstellenden Kunst stagniert in Wien seit über einem Jahrzehnt. Eine Besorgnis erregende Tendenz.

 

Umverteilung – nicht nach oben, sondern nach unten!

 

Wer in irgendeiner Weise institutionalisiert ist, überlebt recht und schlecht weiter, wer es vorzieht, tatsächlich frei zu arbeiten und dies auch oftmals mit großer überregionaler Strahlkraft, setzt sich dem erhöhten Risiko aus, von einem Tag auf den anderen ohne Förderung dazustehen.

Das Förderbudget für Einzelprojekte wurde seit vielen Jahren nicht erhöht und neue wichtige und unverzichtbare Förderschienen wie die Wiederaufnahmeförderung, die in Zusammenarbeit von MA7, Theater-, Tanz-, Performance-Kuratorium und der IG Freie Theaterarbeit entwickelt wurde, werden aus dem Budget der Einzelprojektförderung gespeist und nicht etwa durch eine Umschichtung im Gesamtbudget.

 

Petersplatz – free & fair

 

Die IG Freie Theaterarbeit begrüßt die Empfehlung der Theaterjury, das ehemalige Theater am Petersplatz, bislang WERK X-Eldorado aus dem Verbund mit WERK X herauszulösen, mit eigenem Budget und einer eigenen Leitung weiterhin als Haus für die Freie Szene mit Schwerpunkt auf zeitgenössisches Sprechtheater zu definieren. Das ist ein wichtiges und notwendiges Signal für die Künstler und Künstlerinnen!

Der neue Petersplatz braucht transparente Regeln für die Zusammenarbeit von Haus und Gruppen, die Karriereläufe, Erfahrungsstand etc. mit berücksichtigen - mit Augenmerk auf Nachhaltigkeit (längere Spielserien). Die Zusammenarbeit mit anderen städtischen und überregionalen Partnern (gemeinsame Nutzung von Ressourcen, Touring) kann bis zu einem gewissen Grad Kosten sparen, soll vor allem aber der Entfaltung künstlerischer Qualität dienen. Mit dem neuen Petersplatz wird ein aktueller Brennpunkt der Freien Szene geschaffen werden und ein zukunftsweisendes Modell für lebbare Arbeitsbedingungen von Künstler_innen nach dem Motto free & fair.

Die Ausschreibung der Leitung soll eine Person ermitteln, die sich uneigennützig als zuverlässiger Partner für die Interessen der freien Künstler_innen einsetzt. Grundsätzlich kann der neue Petersplatz auch von einer Künstler_in geleitet werden. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass die Leitungspersönlichkeit auf eine Realisierung eigener Projekte an dem von ihm/ihr betreuten Haus verzichten sollte.

 

Vorstand der IG Freie Theaterarbeit, 28.3.2017


Überblicksanhang „Konzeptförderung in Zahlen“: ANHANG_Konzeptfoerderung_in_Zahlen_28032017

Förderempfehlungen Theaterjury: https://www.wien.gv.at/kultur/abteilung/foerderungen/theaterfoerderung.html