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  • Diskussionsabend „Gender Equality in Kunst/Kultur“

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    08.11.2018

    Am 8. November 2018 lud die Österreichische UNESCO-Kommission gemeinsam mit der IG Freie Theater zu einem Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema „Gender Equality in Kunst/Kultur“ in das Theater Spektakel in Wien ein. Zwei deutsche Expert*innen, Prof. Helmut K. Anheier (Hertie School of Governance, Berlin) und Dr. Katrin Hassler (Leuphana Universität Lüneburg), gaben dem interessierten Publikum Einblick in ihre umfassenden Forschungstätigkeiten und diskutierten diese im Anschluss mit dem Publikum.

    Eröffnet wurde die Veranstaltung ‚Berufsfeld Kunst/Kultur: Gender Gaps im internationalen Vergleich‘ von Kathrin Kneissel, Leiterin der Abteilung ‚Europäische und Internationale Kulturpolitik‘ im Bundeskanzleramt Wien. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde startete Prof. Helmut K. Anheier. Er präsentierte die unter seiner Leitung entstandene Studie „Frauen in Kultur und Medien. Ein Europäischer Vergleich“, Dr. Katrin Hassler nahm anschließend eine Kontexualisierung des Themenfeldes vor und zeigte vor allem auch auf, wie die kunstwissenschaftliche und die kulturpolitische Forschung voneinander profitieren können und wie die so gewonnenen Erkenntnisse für die Entwicklung von (politischen) Maßnahmen genutzt werden können.

    Im Mittelpunkt der Vorträge sowie auch der anschließenden Diskussion standen folgende Fragen:

    • Inwiefern spielen Gender-Mainstreaming sowie Gleichstellung der Geschlechter eine Rolle in verschiedenen europäischen Ländern?
    • Welche Maßnahmen wurden bereits eingeführt bzw. werden besprochen?
    • Welche dieser Maßnahmen werden von Interessenvertreter*innen als am besten geeignet wahrgenommen, um das Gender-Mainstreaming zu fördern und der Geschlechterparität im jeweiligen Tätigkeitsbereich näherzukommen?
    • Wie effektiv ist die Umsetzung allgemeiner bzw.sektorspezifischer Maßnahmen?                   

    Fortschritte, aber zu langsam
    Zwar sind sich beide Expert*innen einig, dass im Gender Mainstreaming kontinuierlich Fortschritte zu verzeichnen sind, die Geschwindigkeit, mit der diese erzielt werden, allerdings recht gering ist. So verweist Helmut K. Anheier darauf, dass in den von ihm untersuchten Ländern etliches zur Verbesserung der Situation getan wird, wenn uns aber daran gelegen ist, eine ernsthafte Veränderung zu erzielen, mit einer „Klaviatur an Maßnahmen“ gearbeitet werden müsste. Katrin Hassler wiederum zeigte auf, dass der Frauenanteil etwa im Bereich der Spitzenpositionen in Kunst- und Kultur stetig zunimmt und in den jüngeren Jahrgangskohorten bereits deutlich mehr weibliche Kultur- und Kunstschaffende vertreten sind, es aber gleichzeitig immer noch eine deutliche Überrepräsentation von Männern existiert.

    Ein Brennpunktthema bei Vortragenden und Publikum war zum Abschluss auch die Frage der Einkommensungleichheit zwischen Männern und Frauen in Kunst und Kultur sowie die Einführung verpflichtender Quotenregelungen. In diesem Zusammenhang wurde diskutiert, warum Quoten nach wie vor oft ein so schlechtes öffentliches Standing haben und in welchen Bereichen sie sinnvoll umgesetzt werden können. Flächendeckende Quoten, so ein Resümee, sind nicht nur schwierig zu erreichen, sondern möglicherweise auch nicht immer sinnvoll, umso mehr gilt es aber in einzelnen Bereichen (z. B. bei der Besetzung von Jurys, Vergabekommissionen, Aufsichtsräten, …) geschlechterparitätische Verteilungen sicherzustellen.

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  • European Association of Independent Performing Arts / Präsentation 4.11.2018

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    4.11.2018

    Am 4.11.2018 erfolgte die offizielle Präsentation der EUROPEAN ASSOCATION OF INDEPENDENT PERFORMING ARTS im Rahmen des ietm- plenary meetings in München.
    Vorgestellt wurde der neu gewählte Gründungsvorstand, aber auch ein erster Vergleich der Förderstrukturen der Freien Szene in 8 europäischen Ländern.

    ***

    Der Europäische Dachverband der Freien Darstellenden Künste / European Association of Independent Performing Arts wurde 2018 gegründet.
    Er vertritt die Interessen der Akteur_innen der Freien Szene auf europäischer Ebene und forciert den kulturpolitischen Austausch durch konkrete Information und Vorschläge.

    Mitglieder sind aktuell Interessensgemeinschaften in Österreich, Bulgarien, Tschechische Republik, Deutschland, Ungarn, Italien, Rumänien, Slowenien, Spanien, Schweden und der Schweiz.

    Introduction to the Independent Performing Arts in Europa. Eight European Performing Arts Structures at a Glance. Published by EAIPA, 2018.

    Bilder: Regine Heiland

    Als erstes gemeinsames Projekt wurde ein Vergleich der (Förder)situation der Freien Darstellenden Künste in acht Ländern Europas erarbeitet, welcher am 4.11.2018 im Rahmen des internationalen Netzwerktreffens IETM Munich in Zusammenarbeit mit dem Festival "Politik im Freien Theater" und der Bundeszentrale für Politische Bildung in München von Thomas F. Eder vorgestellt wurde. Zum ersten Mal wurde damit die Fördersituation in acht Ländern Europas strukturell untersucht und vergleichend dargestellt. Vor allem statistische, finanzielle und soziale Indikatoren - wie  etwa 'Armutsrisiken für Künstler_innen' - fanden in diesem Vergleich Beachtung. Zugleich wurde deutlich, wie schwierig – und lückenhaft - sich die Zahlensituation insgesamt gestaltet. Ein Ansporn für EAIPA, in den kommenden Jahren mit einer fundierten Studie und detailliertem Zahlenmaterial nachzulegen! 

    Für IGFT Mitglieder ab 22.11.2018 kostenlos erhältlich!

    GRÜNDUNGSVORSTAND

    Am Sonntag, 4.11.2018, präsentierten sich die frisch gewählten Vorstandsmitglieder im Rahmen des IETM - International network for contemporary performing arts plenary meetings in München.

    Ulrike Kuner - President (IG Freie Theater, Österreich)
    Kathin Hrusanova - Vice-President (ACT Association, Bulgarien)
    George Remes - Secretary (Association of Independent Theatre, Rumänien).
    Davide D'Antonio - Treasurer (Etre Assoziazione, Italien)
    Axel Tangerding - Communication Manager (BFDK, Deutschland)
    Lena Gustafsson (Teatercentrum, Schweden)
    Nina M. Kohler (t.Theaterschaffende, Schweiz)

    Bilder: Regine Heiland

    Darüber hinaus wurden verschiedene Arbeitsgruppen installiert, die sich mit der Ausarbeitung konkreter Themen beschäftigen. U.a. mit:

    • Regionale Kooperationen in Europa / Regional collaboration in Europe
    • Identifikation von europäischen best-practice Modellen / Identification of best-practice models

    Der Europäische Dachverband hat zum Ziel, die Rahmenbedingungen der darstellenden Einzelkünstler*innen, Künstler*innengruppen, von freien Theatern und anderen künstlerischen Unternehmen sowie von allen mit der Branche verbundenen Berufsgruppen und Infrastrukturen in struktureller, sozialer, rechtlicher, finanzieller, politischer, organisatorischer, künstlerischer und kultureller Hinsicht zu verbessern. Außerdem soll die öffentliche Wahrnehmung der Freien Szene als bestimmende Kraft der Kunstlandschaft in Europa gestärkt sowie die Freien Darstellenden Künste auf europäischer Ebene sichtbarer vertreten werden.
    Derzeit sind elf Länder vertreten, der Ausbau des Dachverbandes wird aktiv vorangetrieben.

    Bilder: Regine Heiland

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  • “Frauennetzwerke der darstellenden Künste” – FEMALE BURNING ISSUES

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    22.10.2018

    Mit Ulrike Kuner (IG Freie Theater)

    Beim letzten Termin unserer Workshopserie tauschen wir uns über die problematischen Voraussetzungen für – insbesondere weibliche – Kunstschaffende sowie unsere persönlichen Erfahrungen aus. Außerdem stellt Ulrike Kuner von der IG Freie Theater den neugegründeten Dachverband European Association of Independent Performing Arts vor und weist die Teilnehmerinnen auf weitere Netzwerke, Initiativen und Veranstaltungen zum Thema hin.

    Bilder: Krístina Zátrochová 

    Von den rund 1 250 Mitgliedern der IG Freie Theater sind 73% Frauen. Trotzdem werden Spielpläne von Autoren dominiert, sind Intendanzen zum größten Teil in männlicher Hand und klaffen Gagen erschreckend weit auseinander. Um die Verhältnisse zu ändern, ist neben kulturpolitischer Arbeit, wie sie die IG Freie Theater leistet (aktuell z.B. die Forderung nach Mindesthonoraren samt einer Gehaltsmatrix), eines ganz wichtig: der Austausch unter den Kunstschaffenden. Und dabei darf Geld kein Tabuthema sein! Wenn von zwei Schauspielern und einer Schauspielerin mit gleichwertiger Ausbildung am gleichen Theater, im gleichen Stück und in der gleichen Funktion einer pro Vorstellung 450€ verdient, einer 350€ und sie 190€, dann müssen diese Zahlen erst einmal ausgesprochen werden, bevor sie sich anprangern lassen (deswegen stehen sie jetzt auch hier). Außerdem sollte man, aber v. a. frau, selbstbewusstes Auftreten in Gagenverhandlungen üben – dafür ist es wichtig, sich zu überlegen, wieviel man zum (Über-)Leben braucht (darum ging es auch im Workshop am 8.10.: female burning issues: into business).

    Zu diesen Themen hat Ulrike Kuner gleich ein paar Hinweise und Veranstaltungstipps: Am 8.11. findet im Spektakel eine Diskussionsveranstaltung statt (kunst/kultur gender-gaps im internationalen Vergleich) und im Kosmos Theater in Wien gibt es am 17.11. ein Vernetzungstreffen (Dikussion: was kann sie*tun). In Berlin organisiert der LAFT einen jährlichen Branchentreff, bei dem über aktuelle Themen der freien Szene diskutiert wird (Branchentreff 2018) und in der nächsten gift – zeitschrift für freies theater wird im Dezember ein Beitrag zum Thema Geschlechterverhältnisse in den darstellenden Künsten erscheinen.

    Die von uns eingeladene Organisation Sorority, von der letzten Endes leider doch niemand zu unserem Workshop kommen konnte, hat sich der Vernetzung und Karriereförderung von Frauen verschrieben und soll daher trotzdem kurz hier genannt sein – für weitere Infos siehe: Sorority.at. Weitere Hinweise auf Netzwerke und Plattformen, die sich zwar nicht spezifisch an Frauen richten, jedoch wichtige Räume für Austausch und Vernetzung darstellen und allen nützlich sein können, die im Bereich der darstellenden Künste arbeiten (wollen), bekommen wir von Ulrike Kuner vorgestellt:

    Da wäre zunächst die European Association of Independent Performing Arts (EAIPA), die aktuell elf Organisation (wie die IGFT) aus zehn europäischen Ländern als Mitglieder zählt und eine ähnliche Agenda wie die IG (Verbesserung der Rahmenbedingungen für künstlerische Arbeit, Sichtbarkeit der Freien Szene) auf europäischer Ebene betreibt. In einer ersten von der EAIPA durchgeführten Studie ging es erst einmal darum, die frei tätigen Künstler_innen in neun der Länder sowie die Bedingungen, unter denen sie leben und arbeiten, und die Fördersituationen zu erfassen. Solche Zahlen sind wichtige Instrumente, um gegenüber Fördergebern argumentieren zu können und Rahmenbedingungen zu verbessern. Weil bereits deutlich wurde, dass die Probleme der Freien Szene in den verschiedenen Ländern dieselben sind und Projekte oft länderübergreifend arbeiten, zielt EAIPA langfristig darauf ab, Arbeitsregelungen, Maßnahmen zur Förderung der Sichtbarkeit und Sozialversicherung europaweit zu denken. EAIPA

    Weitere Tipps von Ulrike sind das European Dance House Network, das Veranstaltungen zu verschiedenen Themen an Häusern in ganz Europa organisiert (ednetwork), sowie das International Network for Contemporary Performing Arts (IETM), das jährlich zwei große Mitgliederversammlungen in verschiedenen europäischen Städten abhält und regelmäßig Beiträge und Studien veröffentlicht (ietm). In Deutschland gibt es den Tanzkongress (Tanzkongress) und die Internationale Kulturbörse Freiburg (Kulturbörse Freiburg). Ulrike rät dazu, bei Teilnahme an derartigen Events beim BKA (Abteilung 10) um Reiseförderung anzusuchen. Schließlich legt sie den Teilnehmerinnen noch die Plattform aerowaves (aerowaves) ans Herz, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, im Rahmen von Open Calls die vielversprechendsten aufstrebenden Tanzschaffenden in Europa aufzuspüren. Die aus eingeschicktem Videomaterial ausgewählten Künstler_innen dürfen dann in einem Live-Format auftreten, das von vielen Veranstalter_innen besucht wird, wodurch sich für viele schon weitere Möglichkeiten ergeben haben.

    Mit diesen Tipps und Ratschlägen beenden wir die FEMALE BURNING ISSUES, nicht jedoch den Kampf für bessere und für alle gleiche Rahmenbedingungen im Bereich der darstellenden Künste. In den Workshops ist uns bewusst geworden, dass Genderthemen und -problematiken in der kulturpolitischen Arbeit oft nur implizit enthalten sind. Die Forderung nach Gleichberechtigung von Künstlerinnen und Künstlern wollen wir deswegen zukünftig öfter explizit adressieren und auf dieses Thema auch im Serviceangebot einen stärkeren Fokus setzen.

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  • „Make yourself heard“: Selbstmarketing im Bereich der freien darstellenden Künste - FEMALE BURNING ISSUES

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    15.10.2018

    Mit Jamal Hachem (Affine Records) und Maiko Sakurai Karner (Projektmanagerin, freie bildende und darstellende Künstlerin)

    In der vorletzen Ausgabe unserer Workshopreihe FEMALE BURNING ISSUES haben Maiko Sakurai Karner und Jamal Hachem (affine records) uns ihre Tipps zum Thema Selbstvermarktung gegeben. Als roter Faden diente dabei ein von Jamal zusammengestelltes Handout, das hier zum Download zur Verfügung steht.

    Die Grundlage guter Selbstvermarktung und Pressearbeit kann, darüber sind sich Maiko und Jamal einig, nur eine zuvor entwickelte, eigene Zielsetzung sein. „Sich einfach einmal selbst als Mission sehen und ein Mission Statement über sich schreiben“, empfiehlt Maiko. Im späteren Arbeitsprozess dienen solche anfangs gesetzten Ziele dann als Maßstab, mit dem man die eigene Situation abgleichen und überdenken kann, also ob man sich in die für einen selbst richtige Richtung entwickelt oder seinen Kurs ändern möchte. Auf einem solchen Fundament lassen sich die eigenen Strategien zur Selbstvermarktung aufbauen, die laut Jamal nicht zu einseitig gestaltet werden, sondern unbedingt aus mehreren Säulen bestehen sollten. Welche das sein können, haben wir im Workshop von Maiko und Jamal erfahren:

    Ein absolutes Muss ist der Aufbau eines eigenen, persönlichen Netzwerks, wobei man sich nicht zu sehr auf eigene Kolleg_innen fokussieren, sondern sich um Kontakte mit Menschen aus den verschiedensten Tätigkeitsbereichen bemühen sollte.

    Im Bereich der Pressearbeit steht an erster Stelle die Medienbeobachtung: Man sollte sich unbedingt auf dem Laufenden darüber halten, was abseits der eigenen Arbeit noch stattfindet, welche Dynamiken gerade herrschen. Außerdem lernt man so auch die Medien kennen und einzuschätzen, wie man mit wem am besten kommuniziert.

    Mit dem Thema Kommunikation kommen wir auch schon wieder auf‘s Netzwerken zurück: Da gehören natürlich Journalist_innen- und Medienkontakte unbedingt dazu, und die Kommunikation mit ihnen ist nicht immer einfach. Maikos Tipps dazu lauten: am Anfang grobe Info-Mails an alle schicken, daraufhin jedoch an einzelne Journalist_innen persönliche E-Mails richten oder nachtelefonieren. Es hilft auch, beispielsweise im Rahmen von Premierenfeiern und bei einem Glas Wein, persönliche Beziehungen aufzubauen. Hat man einzelne Journalist_innen einmal für die eigene Arbeit interessiert, rät Maiko dazu, sie in den Arbeitsprozess einzubinden, indem man sie zu Proben und Gesprächen einlädt und ihnen regelmäßig Informationen zukommen lässt. Ein wichtiges Tool bei der Pressearbeit ist ein Presseverteiler, den man über die Jahre nach und nach mit Kontaktdaten füllt (und regelmäßig aktualisieren sollte, denn die Fluktuation ist hoch!). Wenn man einmal weiß, wen man über seine Arbeit informieren will, stellt sich schließlich die Frage nach dem Schreiben von Pressetexten – diese sollte immer dem jeweiligen Format oder Kontext angepasst sein, in dem die Arbeit präsentiert wird. D.h. auf der eigenen Website dürfen Inhalte ruhig ausführlich dargestellt werden, in Presseaussendungen sollte man sich jedoch kürzer halten und erst recht bei Social Media Posts. Um dem Problem zu entgegnen, komplexe Inhalte in Zweizeiler packen zu müssen, rät Jamal, sich nicht zu sehr an Regeln zu halten und lieber zu experimentieren, um eine eigene Sprache und Methode zu finden. Wenn es darum geht, bei einem Medium Interesse für die eigene Arbeit zu generieren, hängt zwar viel ganz einfach vom Thema ab, man sollte sich aber doch Gedanken darüber machen, welche Aufbereitung Sinn macht: Welche Schwerpunkte will ich setzen, was hebe ich hervor, was ist eher nebensächlich?

    Zum Thema Social Media hält Jamal als Erstes fest: Nicht jedes Netzwerk ist für einen selbst das richtige - und man muss sie nicht alle bespielen. Er selbst nutzt beispielsweise Instagram nicht, weil ihm das Format nicht liege. Maiko hingegen verwendet Twitter wegen seiner geringen Reichweite in Österreich nicht. Facebook nutze sie zum Teilen von Events und Posts kurz vor Premieren, ihr Fokus liege aber auf Instagram. Posts vorzuschreiben und ihr Erscheinen zu programmieren, kann die Arbeit erleichtern, aber auch einen Nachteil darstellen, denn generell wird erwartet, dass man auf tagesaktuelle Themen reagiert. Gerade diese Schnelllebigkeit nutzt Maiko oft für sich, indem sie durch Instastories Einblicke hinter die Kulissen gibt. Das bringt eine gewisse Entlastung von der Vorstellung, jeder Post müsse perfekt sein und kommt bei den meisten auch besser an als bis ins letzte Detail inszenierte Pressefotos. Jamal weist auch noch auf die Möglichkeit von bezahlter Werbung auf Social Media hin, obwohl er selbst dazu (sowie zur Nutzung von Social Media an sich) in einem gespaltenen Verhältnis steht: Einerseits hält er die Art und Weise, wie Social Media das gesellschaftliche Zusammenleben verändert, für gefährlich, andererseits ist er aber von der Sichtbarkeit seiner Arbeit auf Social Media abhängig. Es ist ihm sichtlich ein Anliegen, diese Ambivalenz, mit der er selbst lebt, auch den Workshop-Teilnehmerinnen mitzugeben.

    Eine eigene Website zu haben ist keine Notwendigkeit, eignet sich aber als Plattform, um ausführlichere Inhalte zu präsentieren. Da die meisten Aufrufe mobil erfolgen, ist eine Optimierung dabei ein Muss.
    Schließlich kann ein Newsletter noch ein nützlicher Kanal sein, um die Menschen zu erreichen, die sich wirklich für die eigene Arbeit interessieren. Die vielen Gerüchte, die über die neue DSGVO in Umlauf gebracht wurden, sorgen zwar diesbezüglich für Unsicherheit, Julia Kronenberg (IG Freie Theater) informiert in ihren Beratungsgesprächen aber auch zu diesem Thema und gibt uns im Workshop gleich einmal die wichtigsten Informationen: Eine Zustimmung, Informationen zu erhalten, wird benötigt, sobald eine Aussendung an mehr als 50 Personen geht. Ansonsten es wichtig, dass es eine Möglichkeit gibt, den Newsletter abzubestellen. Einer Aufforderung, aus dem Verteiler gelöscht zu werden, muss binnen 4 Wochen nachgekommen werden. Sind derlei Formalia geklärt, stellt sich die Frage: Wie gestalte ich meinen Newsletter? Und wie oft verschicke ich ihn?

    Maikos Antwort lautet: Personalisiert, nicht aufgesetzt, nicht vollgepackt, also: die Basics mit Links zum Weiterlesen für die, die mehr Information wollen. Wichtig sei außerdem, in der grafischen Gestaltung eine eigene Handschrift zu entwickeln, sodass der Newsletter auf den ersten Blick dem Sender zugeordnet werden kann. Abhängig von Größe und Art der eigenen Projekte könne man den Newsletter wöchentlich, monatlich oder auch einfach punktuell verschicken.

    Mit dieser Vielzahl an Möglichkeiten zur Selbstvermarktung konfrontiert, ergibt sich für die Teilnehmerinnen eine Frage: Wie teilt man sich das alles ein, wie arbeitet man effizient?

    Jamals Tipp ist, sich selbst Regeln und damit einen Rahmen zu schaffen, in dem man Halt findet. Auch Maiko macht sich in stressigen Zeiten einen Zeitplan.

    Letzten Endes liegt die Antwort auf diese Frage wohl auch in den Grundsätzen, auf die sie beide während des ganzen Workshops immer wieder zurückkommen:

    Lass dich von deinem eigenen Gefühl leiten, trau dich, Dinge auszuprobieren und zu experimentieren, um auf Basis dieser Erfahrungswerte deine individuell richtige Methode zu finden.

    Das Projekt FEMALE BURNING ISSUES wurde vom MA57 - Frauenservice Wien unterstützt.

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  • ,,Into Business" - FEMALE BURNING ISSUES

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    08.10.2018

    Mit Caro Madl (Produktionsleiterin „Superamas“) und Sebastian Berger (Performer Zeitgenössischer Zirkus)

    Letzten Montag hatten wir die Produktionsleiterin Caro Madl und den Performer Sebastian Berger in unserer Workshopreihe zu Gast, um aus ihrem Erfahrungsschatz nützliches Wissen für das (Über-)Leben in der freien Szene zu schöpfen. Es ging um das Wachsen als Künstler_in, als Gruppe; aber auch um den Verwaltungsaufwand, das Comeback des Telefons und - Geld.

    Zu Beginn erzählt Caro Madl, Produktionsleiterin beim Künstlerkollektiv "Superamas", von ihrem Arbeitsalltag und versucht uns einen Einblick in die Produktionsbedingungen in der freien Szene und einen Überblick über die Abläufe dabei zu geben. "Superamas" zeichnet sich dadurch aus, dass es aus einem Kernteam besteht, welches für die verschiedenen Projekte immer wieder zusammenkommt, Standbeine in drei Ländern hat (A, BE, F), und die sich mit Caro auch eine zumindest zeitweise fix angestellte Produktionsleiterin leisten (können). In ihrer Arbeit geht es daher nicht (nur) um inhaltliche Mitarbeit, sondern darum, den Künstler_innen all die um die Produktion herum anfallenden organisatorischen und wirtschaftlichen Aufgaben abzunehmen, die immer aufwändiger und komplexer werden. Das betrifft die kaufmännische Leitung, PR, Kommunikation, Budget, Inspizienz, Webdesign, Grafik, Controlling, Reiseorganisation, … Dabei helfen alle Leistungen, die durch die Produktionsleitung selbst erbracht werden können und nicht zugekauft werden müssen, Kosten zu sparen. Allerdings gibt es für Produktionsleiter_innen nicht wirklich eine Ausbildung (die angebotenen Postgraduate-Lehrgänge eignen sich Caro zufolge wenig für die Bedingungen in der freien Szene), es heißt daher: learning by doing.

    Was sind nun die konkreten Abläufe bei so einer Produktion?

    Zu Beginn muss ein Budget erstellt und um Förderungen angesucht werden. Die Kalkulation ist dabei ein Prozess, der sich über das ganze Projekt zieht, denn abhängig von der Zu- oder Absage von Förderungen und anderen Unterstützungen und von sich ändernden Kostenpunkten muss das Budget immer wieder angepasst werden. Im Falle von Tourneen müssen Verhandlungen mit den jeweiligen Theatern/Festivals/Agenturen geführt und Verträge gemacht werden. Caro beklagt die starke Reduzierung der ehemals von BKA und Außenministerium, jetzt nur noch vom Außenministerium vergebenen Touring-Förderung und beobachtet außerdem einen internationalen Trend dahin, dass Künstler_innen, die international auftreten wollen, das Geld selbst mitbringen müssen. Das bedeutet auch verwaltungstechnisch einen riesigen Aufwand.

    Eine bedeutende Rolle spielt die Kommunikation mit möglichen Kooperationspartnern – "Superamas" greift dabei auf ein Netzwerk zurück, das sie sich im Laufe der Jahre erarbeitet haben. Um als Gruppe in der freien Szene zu überleben und präsent zu bleiben, ist ein solches Netzwerk von größter Wichtigkeit. Dabei bringen sich manche Partner als Koproduzenten ein, investieren also Geld, das die Entwicklung eines Projekts ermöglicht,; andere kooperieren in anderer Form, beispielsweise Häuser, die eine Bühne zur Verfügung stellen. Zu den Aufgaben der Produktionsleitung zählt schließlich noch die Organisation aller möglichen Angelegenheiten vor Ort: Proberäume und -zeiten, Übernachtungen, benötigtes Material, An- und Abreise – und und und.

    Sebastian Berger ist es als Performancekünstler des Zeitgenössischen Zirkus, der in Österreich zwar prinzipiell beliebt ist, als Kunstform jedoch kaum ernst genommen wird, gewohnt, sich durch problematische Strukturen zu kämpfen. Was sind seine Tipps für das Überleben in der freien Szene als individuelle_r Künstler_in?

    Er selbst hat sich seine künstlerischen Projekte am Beginn seiner Karriere mithilfe eines zweiten, kommerziell orientierten Standbeins finanziert. Inzwischen gibt es eine BKA-Förderschiene für Zeitgenössischen Zirkus, doch auch damit lassen sich maximale einige Wochen der Arbeit an einem Zirkusprojekt finanzieren. Reden wir also über Geld.

    So problematisch es ist, dass wir in der freien Szene keine Kollektivverträge haben, streicht Sebastian doch auch einen Vorteil heraus: Wir können selbst entscheiden, was unsere Arbeit wert ist. Aber wie schätzt man das richtig ein?

    1. Kollegen ansprechen und nach ihren Gagen fragen! Dabei ist es auch wichtig, untereinander ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir uns gegenseitig helfen können, indem wir miteinander sprechen und aufhören, Geld als Tabuthema zu behandeln.

    2. An Richtgagen orientieren > Links

    3. Das Ganze lässt sich auch andersherum angehen, mit der Frage beginnend: Was sind meine Grundbedürfnisse, wieviel Geld MUSS ich eigentlich verdienen?

    Dazu hat uns Sebastian ein Tool (excel-Tabelle) mitgebracht, mit dem er selbst arbeitet:

    Er rät dazu, sich zwei Versionen davon anzulegen: eine für das Leben am Minimum, eine für das eigene Traumleben. Wir gehen im Workshop die einzelnen Kostenpunkte kurz durch und bekommen noch einige Hinweise: Ein Steuerberater erspart einem sehr viel, ist außerdem von der Steuer absetzbar und lohnt sich also. Außerdem sollte man nicht unterschätzen, wie wichtig Versicherungen sein können – v.a für Selbstständige. Dabei sollte man Vergleiche anstellen und sorgfältig recherchieren, was von welcher Versicherung in welchem Schadensfall wirklich abgedeckt wird.

    Wenn es zu Gagenverhandlungen kommt, sollte man sich unbedingt dieser Grundbedürfnisse, die sich mithilfe von Sebastians Tool errechnen lassen, bewusst sein und dementsprechende Entlohnung fordern. Einerseits, um selbst nicht unter den eigenen Standards leben zu müssen – aber auch, weil sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Szene insgesamt nur zum Besseren wenden können, wenn alle angemessene Gagen verlangen.

    Sebastians Tipp, um dabei selbstbewusst aufzutreten, ist, die Gagenverhandlung als "Show vor der Show" zu betrachten, oder mit Projekten zu üben, die einen gar nicht interessieren. Man sollte sich auch Gedanken darüber machen, wie man mit wem am besten redet: manchen ist es face to face am liebsten, anderen per E-Mail, manche sind nur vormittags erreichbar, andere abends. Ulrike Kuner von der IG Freie Theater beobachtet in diesem Zusammenhang gerade ein Comeback des Telefonats. Ihre Kollegin Julia Kronenberg rät außerdem unbedingt dazu, telefonische oder persönliche Vereinbarungen im Nachhinein per E-Mail festzuhalten, noch besser aber auf einen Vertrag zu bestehen.

    Das Projekt FEMALE BURNING ISSUES wurde vom MA57 - Frauenservice Wien unterstützt.

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  • ,,Kind und Beruf" - FEMALE BURNING ISSUES

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    01.10.2018

    Mit Hermin Karout (Arbeiterkammer Wien), Charlotta Ruth (Performerin) und Dominik Grünbühel (Performer)

    An unserem dritten Workshopabend brechen wir das lockere Gesprächsformat der letzten Male erst einmal auf, um uns von der Juristin Hermin Karout von der AK Wien in einem Vortrag über Rechte und Pflichten von (werdenden) berufstätigen Eltern aufklären zu lassen. Der Abend schließt dann aber doch wieder in der gewohnten, gemütlichen Form: mit Tipps und Erzählungen der Performer-Eltern Charlotta und Dominik, die mit fehlenden Kinderbetreuungsplätzen und verständnislosen Beamt_innen zu kämpfen haben. Ihr Fazit zur Vereinbarkeit von Kind und Beruf lautet dennoch: „Es geht.“

    In ihrem eineinhalbstündigen Vortrag versucht Hermin Karout, uns einen möglichst umfassenden Überblick über die Gesetze zu geben, die für berufstätige Mütter und Väter relevant sind. Dabei wird sehr deutlich, dass diese Gesetze von einem Angestelltenverhältnis als Normalfall ausgehen, was für selbstständig arbeitende Künstler_innen heißt, dass die Vereinbarkeit von Kind und Beruf viel mit einem genauen Studieren und einem Jonglieren rechtlicher Details zu tun hat, um sich für die eigene Situation die beste Lösung zurechtzuschneidern. Das Resümee, das wir aus dem Abend gezogen haben, lautet daher: Bei Kinderwunsch/Schwangerschaft am besten gleich mal beraten lassen. Nichtsdestotrotz sollen die folgenden Punkte eine erste kleine Einstiegshilfe in die Auseinandersetzung mit dem Thema bieten:

    -5 (nicht zu verwechselnde) Phasen:

    • Schwangerschaftsmeldung: beim Arbeitgeber/der Arbeitgeberin, spätestens 12 Wochen vor dem voraussichtlichen Geburtstermin
    • Beschäftigungsverbot: gilt für Angestellte ab 8 Wochen vor der Geburt, je nach Beruf kann es davor bereits Einschränkungen geben bzw. kann aus medizinischen Gründen eine frühere Freistellung verordnet werden
    • Mutterschutz: 8 Wochen vor und nach der Geburt
    • Elternkarenz: Mutterschafts- bzw. Vaterschaftsurlaub vom Arbeitgeber
    • Kinderbetreuungsgeld (KBG) – zwei Modelle (siehe unten)

    -Wochengeld (heißt bei Selbstständigen Betriebshilfe): ist eine Versicherungsleistung, wird also beim eigenen Versicherungsträger, und zwar 8 Wochen vor und nach dem Geburtstermin, bezogen (12 Wochen bei Mehrlingsgeburten und Kaiserschnitt)

    Berechnung: das Einkommen der letzten drei Kalendermonate vor dem Beschäftigungsverbot wird durch die Anzahl der Tage dieser drei Monate dividiert (+17%, wenn Anspruch auf Sonderzahlungen besteht) > das ergibt den Tagsatz

    -Kinderbetreuungsgeld (KBG): Kann zeitgleich nur von einem Elternteil bezogen werden und muss beantragt werden (auch bis zu 6 Monate rückwirkend)! Der Anspruch wird dann genau geprüft – Voraussetzungen:

    • gemeinsamer Hauptwohnsitz mit dem Kind
    • Mittelpunkt der Lebensinteressen in Österreich
    • Familienbeihilfe muss bezogen werden
    • Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen müssten eingehalten und rechtzeitig nachgewiesen werden

      2 Modelle:

    Einkommensabhängiges KBG: Voraussetzung ist, dass der beziehende Elternteil vor Beginn des Beschäftigungsverbots (Mutter) /dem Tag der Geburt (Vater) mind. 182 Tage durchgehend einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgegangen ist und das Arbeitsverhältnis am Tag der Geburt noch aufrecht ist.

    Anspruch besteht, bis das Kind 14 Monate alt ist, diese Zeit kann zwischen den Eltern beliebig aufgeteilt werden (mit Einschränkungen: Vater kann nicht zuerst beziehen, Wechsel nur 2x möglich, eine Elternteilzeiteinheit muss mind. 61 Tage betragen).

    2 Berechnungsmethoden (die für die Eltern günstigere muss verwendet werden):

    • 80% vom Wochengeld (mind. 33€/Tag, max. 66€/Tag)
    • 80% des steuerpflichtigen Einkommens im Kalenderjahr vor der Geburt (Einkommenssteuerbescheid!)

      Zuverdienstgrenze berechnen
      : steuerpflichtige Einkünfte dürfen x/12 von 6800€ betragen (+30%, wenn Anspruch auf Sonderzahlungen), x = Anzahl der Bezugsmonate (als Bezugsmonate gelten nur die vollen Monate, also solche, in denen an jedem Tag des Monats KBG bezogen wird).

    Das einkommensabhängige KBG ist auch möglich, wenn nur der 2. Elternteil die Voraussetzung erfüllt. Die Mutter erhält dann den Mindestbetrag von         33,88€/Tag.

    1. Modell – KBG-Konto: fixierte Summe, die auf die Tage der Elternteilzeit aufgeteilt wird, d.h., je länger die Bezugsdauer, desto geringer der monatliche Bezug. 12.366€ (wenn nur die Mutter in Elternteilzeit geht) / 15.449€ (wenn die Elternteilzeit aufgeteilt wird). Die Bezugsdauer kann innerhalb eines Zeitrahmens gewählt werden, zwischen 365 Tagen bis 851 Tagen (wenn nur ein Elternteil bezieht), oder zwischen 456 Tagen und maximal 1063 Tagen (wenn beide Elternteile beziehen).

    Zuverdienstgrenze: Höher. Ansonsten funktioniert Berechnung gleich wie bei einkommensabhängigem Modell: x/12 von 16.400€ (+30%)

    Statt eines „Papamonats“ gibt es die Familienzeit: bis zu 91 Tage nach der Geburt, wenn der Arbeitgeber eine unbezahlte Arbeitsfreistellung genehmigt. Es werden dann 22,60€ täglich ausgezahlt, die jedoch vom KBG des entsprechenden Elternteils abgezogen werden.

    Partnerschaftsbonus: 1000€ pro Partner, wenn die Elternteilzeit 50:50 oder 60:40 aufgeteilt wird.

    Weitere Informationen findet ihr in den verschiedenen Broschüren der AK, die jetzt auch bei uns in der IG aufliegen!

     

    Im Anschluss an Hermin Karouts Vortrag wenden wir unsere mit juristischen Details vollgeladenen Köpfe schließlich vom Flipchart ab - und Charlotta Ruth und Dominik Grünbühel zu. Sie erzählen uns von den Herausforderungen, mit denen sie als freiberuflich arbeitende Performer und Eltern von zwei Kindern konfrontiert sind, und wie sie diese meistern. Unerwartete Schwierigkeiten seien vor allem beim zweiten Kind aufgetaucht, etwa als Charlotta ihre Elternteilzeit mit diesem nutzen wollte, um an Projekten zu arbeiten, sich jedoch herausstellte, dass während dieser Zeit das erste Kind keinen Anspruch auf einen Ganztagskindergartenplatz hat. Was ihnen in diesem Fall geholfen hat, erklären Charlotta und Dominik, war ein gutes Verhältnis zur Direktorin des Kindergartens. Überhaupt sei Kommunikation das Zaubermittel bei dem mühseligen Projekt, sich als freischaffende_r Künstler_in mit Kindern einen Weg durch die auf Angestelltenverhältnisse ausgerichteten Strukturen zu bahnen. Denn im Detail die eigene Situation zu erklären, um beim Gegenüber Verständnis dafür herzustellen, ist nicht nur bei Amtswegen und in Kindergarten und Schule nötig, sondern auch bei der Organisation von Projekten mit Künstlerkolleg_innen, die oft nicht nachvollziehen können, dass eine Probe um 15 Uhr enden muss, weil im Kindergarten bös‘ geschaut wird, wenn ein Kleinkind erst um 16 Uhr abgeholt wird. Leider ist in Österreich immer noch die Ansicht weit verbreitet, dass kleine Kinder so viel wie möglich bei der Mutter sein sollten und eine Betreuung durch Fremde sich automatisch negativ auswirke. Dies hat zur Folge, dass oft unzureichende Infrastrukturen im Bereich Kinderbetreuung existieren und verunsichert auch viele Eltern hinsichtlich der Frage, wie viel sie denn arbeiten „dürfen“. Charlottas Antwort darauf: Einem Kind kann es nur gut gehen, wenn es Erwachsene um sich hat, die selbst auch zufrieden sind.

    Weitere Tipps und nützliche Hinweise der Performer-Eltern an Paare mit Kinderwunsch und insbesondere solche, die freischaffend tätig sind: Es gibt Sommerbetreuung an Schulen, ein Kindergartenkind muss allerdings mindestens 4 Wochen/Jahr „freihaben“. Dafür darf es (außer im letzten Kindergartenjahr) bis zu zwei Monate fehlen, was für international tätige Künstler_innen eine Hilfe darstellen kann. Die beiden raten außerdem dazu, lieber einen Platz an einer Ganztagsschule beantragen, als auf einen Hortplatz hoffen, und Ermäßigungen für Essensgeld usw. sowie die Sozialtöpfe der Schulen für teure Klassenreisen in Anspruch zu nehmen. Und schließlich noch einmal: Kommunikation! Auf Ämter gehen und mit den Leuten direkt reden, bereit sein, die eigene Situation zu erklären, und das auch mehrmals. Und dann: ist es zwar immer noch schwierig, aber es geht.

    Das Projekt FEMALE BURNING ISSUES wurde vom MA57 - Frauenservice Wien unterstützt.

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  • Newsblog: „Erfahrungen als Akteurin der Freien Szene als Nicht-Österreicherin“ - FEMALE BURNING ISSUES

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    24.9.2018 Info und Austausch: „How are you?” Erfahrungen als Akteurin der Freien Szene als Nicht-Österreicherin

    Mit Adriana Cubides (Performerin), Julia Kronenberg und Ulrike Kuner (IG Freie Theater)

    Die zweite Workshopeinheit von FEMALE BURNING ISSUES gestaltet sich als bunter Mix aus praktischen Ratschlägen, Erzählungen aus dem Leben von Künstlerinnen und für deren Lebensbedingungen Kämpfenden - und Auseinandersetzungen im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Unabhängigkeit und bürokratisch geprägten Strukturen.

    Der Abend beginnt mit Adriana Cubides‘ Erklärung, dass sie die ersten zwölf Jahre ihres Lebens in Österreich verbracht hat, dann aber mit ihren aus Kolumbien stammenden Eltern dorthin zurückgezogen sei. Ihre Erzählungen passen gerade deswegen sehr gut zum Thema, denn durch ihre Lebensgeschichte hat sie einen anderen Blick auf die Strukturen und Mentalitäten in Österreich als beispielsweise viele Leute, die bis auf ein paar Ausnahmen immer hier gelebt haben. Gleichzeitig ist Wien und die österreichische Lebens- und Arbeitsweise Adriana nicht unvertraut, nachdem sie nicht nur hier aufgewachsen ist, sondern auch mit 26 zurück nach Wien kam, in Linz Tanz studierte und seitdem ihren Wohnsitz in Wien hat, jedoch international arbeitet.

    In Adrianas eigenen Worten: „Ich fühle mich in der Mitte.“ Und das bezieht sie nicht nur auf ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Land oder einer Sprache, sondern vor allem auch auf sich als Künstlerin. Da will sie sich nämlich durch nichts einengen, sich kein Label aufzwingen lassen. Das sei etwas, das von den Kurator_innen wie vom Publikum erwartet werde, ganz besonders in Österreich: Man will alles einordnen und kategorisieren können und erwartet daher von Künstler_innen, dass sie für etwas stehen, an einer bestimmten Handschrift erkennbar sind. Auch und gerade für das Publikum, das sie anziehen. Adriana aber besteht auf ihrer Freiheit, nicht immer die Gleiche zu sein, Viele zu sein, und ich habe den Verdacht, dass es genau das es ist, was mir das Gefühl gibt, einer Person gegenüber zu sitzen, die so sehr sie selbst ist, wie ich das an anderen (inklusive mir selbst) selten beobachtet habe.

    Nur: Wie macht sie das? Aus ihren Erzählungen, z.B. über ihre erste Performance „She had nothing to say“, bei der sie einen Tag vor der Aufführung ihr Konzept verwarf und stattdessen improvisierte, zeichnet sich eine Antwort ab: Sie geht Risiken ein. Sie berichtet von einer Aufführung von „She had nothing to say“ in Kolumbien, bei der sie in einem Moment sehr ruhig wurde, woraufhin ein Mann aus dem Publikum zu ihr gesagt habe: „Bitte lass es nicht fallen.“ Aber genau darum geht es Adriana: sich trauen, es fallen zu lassen.

    Bei den Fördergebern in Österreich kommt das – ihrer Erfahrung nach - nicht gut an. Die Erwartungshaltung gegenüber Künstler_innen, sich ein Image zuzulegen, kommt nicht von ungefähr, denn so ein Label, das es ermöglicht, eine Person und ihre Kunst einzuordnen und vorhersehbar zu machen, bietet eben auch ‚Sicherheit‘, und die wird hierzulande großgeschrieben. Nach einem Misserfolg im brut wurden Adriana daher keine neuen Förderungen genehmigt, und sie fing an, für andere Künstler_innen zu arbeiten. Doch auch dabei wollte sie sich ihre Unabhängigkeit erhalten und schlug das Angebot einer Fixanstellung am Dschungel aus.

    Nach dieser Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten österreichischer Mentalitäten gelangen wir schließlich aber auch zu der Frage: Was kann Österreich bzw. Wien?

    Ulrike Kuner, die 1990, als nach der Öffnung der Mauer alle nach Berlin gingen, stattdessen nach Wien gekommen ist, erinnert sich an die Stadt in dieser Zeit als „verwunschene Dornröschenstadt“, in der alles grau gewesen sei und verfallene Gebäude wie das noch nicht renovierte Alte AKH, das Kabelwerk oder die Sophiensäle der freien Szene als Probe- und Spielräume dienten. Was davon noch übrig ist, sei - neben dem Charme des Café Weidinger -, dass Wien einen immer wieder überrasche und man ganz viel finden könne, was auch Adriana bestätigt. Um das Finden noch zu erleichtern, hat Ulrike ein paar Tipps parat: z.B. Wiener Perspektive, Raw Matters, Minifestivals von Liquid Loft, das nada-Lokal - und den Newsletter der IGFT.

    Als Geschäftsführerin derselben weiß Ulrike außerdem, welche Strukturen man in Wien als freischaffende_r Künstler_in kennen sollte und gibt uns einen Einblick in aktuelle kulturpoliti

    sche Entwicklungen. So gibt es mit der neuen Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler einen regen Austausch zum Thema Fair Pay und Honoraruntergrenzen und gemeinsam mit der Wiener Perspektive entwickelt man in diesem Zusammenhang gerade ein Kalkulationsmodell. Die Produktionsleiter_innen in Wien, wo keine richtigen Produktionsbüros existieren, wünschen sich andere Strukturen und planen, im Jänner zu diesem Thema eine Initiative zu gründen. Außerdem fordert die IGFT ein Produktionszentrum mit Studios, die freien darstellenden Künstler_innen Räume geben sollen: zum Proben, aber auch, um sich zu vernetzen und den Austausch mit anderen in den Probenprozess zu integrieren. Wichtig ist dahingehend auch die Publikumsanbindung, den Aufbau eines starken unterstützenden, interessierten Publikums. In Österreich ansässige Künstler_innen, die Projekte im Ausland planen, rät sie, sich im jeweiligen Land an die dortigen Interessenvertretungen zu wenden und Kontakt mit der österreichischen Botschaft vor Ort aufzunehmen. Innerhalb Europas ist außerdem der neugegründete Dachverband European Association of Independent Performing Arts eine gute Anlaufstelle.

    Das Projekt FEMALE BURNING ISSUES wurde vom MA57 - Frauenservice Wien unterstützt.

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  • Infoveranstaltung: Zeitgenössischer Zirkus/Neue Straßenkunst

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    19.09.2018
    Mit Sabine Maringer (Performerin), Arno Uhl (Performer) und Sebastian Berger (Performer)

    Begrüßung und Einleitung

    Ulrike Kuner, Geschäftsführung IG Freie Theaterarbeit  

    ***
    Neue Straßenkunst und Zeitgenössischer Zirkus: Künstlerische Innovation
    Arno Uhl

    Arno Uhl bemüht sich in seinem Vortrag um eine Begriffsabgrenzung zwischen performativer Straßenkunst und Zeitgenössischem Zirkus, die zwar eine Schnittmenge besitzen, aber jeweils eigene Genres darstellen. Zeitgenössischer Zirkus kann als eine Form von Straßenkunst im Freien stattfinden, aber auch auf Theaterbühnen, in Zelten und in sonstigen Gebäuden. Performative Straßenkunst wiederum kann Zirkuskunst sein, aber auch Theater, Musik, Tanz, Performance, etc., womit eine Vielfalt an Formen unter diesem Begriff zusammenfassbar ist. Straßenkunst zeichnet sich nicht nur durch ihren speziellen Aufführungsort aus, sondern auch dadurch, dass sich Ästhetik und dramaturgische Logik in der Anpassung an diesen Ort herausbilden.

    Im Anschluss gibt Arno Uhl einen Überblick über die Geschichte des Zirkus von seinen Anfängen im frühen 19. Jahrhundert bis heute. Die ästhetischen Stereotype, die wir mit dem Zirkus verbinden, haben sich über einen langen Zeitraum herausgebildet und die aktuellen Entwicklungen der Kunstform Zirkus bedeuten, dass dieser Prozess nicht abgeschlossen ist. Gerade auch in Österreich, wo es zwar nach Krisen durch die Weltkriege und später durch das Fernsehen zu einem Einbruch in den 60er-Jahren kam, ist der Zirkus traditionell stark verankert: der erste Zirkusbau im Prater entstand 1808. Neue Entwicklungen, die im Frankreich der 70er-Jahre ihren Anfang nahmen, in Österreich aber kaum mitgemacht wurden, führten zu dem, was wir heute als „Neuer Zirkus“ bezeichnen, welcher statt Nummern aufzuführen die einzelnen Tricks unter einem Narrativ zusammenfasst. Der Zeitgenössische Zirkus kehrt sich nun vom Narrativ wieder ab und baut seine Stücke eher aus einer Aufeinanderfolge unabhängiger, jedoch in Zusammenhang stehender Szenen auf. Er ist vor allem bemüht, eine eigene Sprache zu entwickeln und sich nicht mehr durch die Abgrenzung von anderen Kunstformen zu definieren. Auf das Reagieren des traditionellen Zirkus auf zeitgenössische Themen antwortet der Zeitgenössische Zirkus mit einem Fokus auf intime Probleme und macht sich dabei Körperlichkeit und Performativität, mit denen er vor allem arbeitet, zunutze. Artistik und Objektmanipulation bilden den Ausgangspunkt für zeitgenössische Zirkusprogramme, und die ständige Weiterentwicklung dieses technischen Repertoires ist entscheidend für das Entstehen eigener Ausdrucksformen.

    ***
    Was ist Straßentheater?
    Sabine Maringer

    Sabine Maringer weist zu Beginn auf die Vielfalt sowohl der künstlerischen Formen, die Straßentheater sich zunutze macht, um den öffentlichen Raum in eine Bühne zu verwandeln, als auch der Fähigkeiten der Künstler_innen hin. Darauffolgend erklärt sie die Rahmenbedingungen, unter denen Straßentheater in Österreich stattfindet.

    Festivals

    Da die Veranstaltungsgesetze in österreichischen Städten sehr streng sind, sind professionelle Straßenkünstler_innen von programmierten Straßenkunstfestivals abhängig. Davon gibt es in Österreich ca. 22, wobei nur 2,5 davon auf Straßentheaterproduktionen spezialisiert sind, diese fördern und auch Gagen bezahlen, während es sich bei den anderen um Hutgeldfestivals handelt. Das bedeutet, dass es keine Gagen für die Künstler_innen gibt, sondern diese nach ihren Darbietungen das Publikum um Hutgeld bitten müssen, um etwas verdienen zu können. Das bedeutet für die Künstler_innen, dass sie selbst das Risiko tragen und mit einem Minus aussteigen, wenn z.B. das Wetter schlecht ist, während auf der anderen Seite die Veranstalter (Tourismusverband, Kulturabteilung der Stadt, Liebhaber_innen, etc.) mit geringem Budget ein großes Event bekommen. Abgesehen davon wirkt sich die Art und Weise, wie Hutgeldfestivals organisiert sind, auf die Performances aus, die in ihrer Struktur ganz danach ausgerichtet werden müssen, am Ende nach Geld zu fragen. Im Kampf um Zuschauer_innen sind große Effekte wirksamer als fordernde Performances, sodass die Abhängigkeit von Hutgeld die Umsetzung innovativer Konzepte stark einschränkt.

    Zwei Dinge müssen sich daher ändern: Hutgeldfestivals müssen beginnen, Gagen an ihre Künstler_innen zu zahlen, um diesen mithilfe einer sicheren Einnahmequelle aus dem Prekariat herauszuhelfen, und um die vielfältigen Formen von Straßenkunst zu fördern. Die Städte, die Straßenkunstfestivals veranstalten, müssen außerdem mutigere Programme schaffen, die die künstlerische Innovation fördern.

    Die Straßenkunstszene

    Seit einigen Jahren findet eine intensivere Vernetzung statt:

    • Facebook-Plattform mit etwa 100 Mitgliedern
    • Kollektiv arbeiten die Straßenkünstler_innen, gemeinsam mit der IG Kultur Wien, an einer neuen Straßenkunstregulierung in Wien
    • Seit 2017 gibt es eine Webseite, die aktive Straßenkünstler_innen aus Österreich präsentiert
    • 2019 wird in Wien die erste Straßentheater-Masterclass stattfinden

    Nachwuchsförderung

    Zum Thema Nachwuchsförderung stellt Sabine Maringer ein Best-Practice-Beispiel aus Slowenien vor: Ljubljana ist die einzige Hauptstadt Europas, in der Straßenkunst frei und ohne Regulierung gezeigt werden darf. Der Straßenkünstler Goro Osijnik hat dort vor etwa 20 Jahren das Ana Desetnica Festival ins Leben gerufen. Es ist das größte Gagenfestival für Straßenkunst in Slowenien und findet in 15 verschiedenen Städten statt. Gefördert werden v.a. neue Produktionen slowenischer Künstler_innen und seit diesem Jahr wird außerdem der Urbana Ljubljana Award of Excellence verliehen. Osijniks Theater Ana Monroe organisiert auch die Straßentheaterschule SUGLA mit und macht immer wieder Produktionen mit ausschließlich nationalen Künstler_innen.

    In der österreichischen Szene, die zwischen 30 und 50 Jahre alt ist, gibt es wenig Newcomer. Ohne Nachwuchsförderung wird es also in absehbarer Zeit keine aktiven Straßenkünstler_innen mehr geben, denn im Moment hat man es als Newcomer sehr schwer. Die meisten Festivals bevorzugen Gruppen aus dem Ausland. Da es aufgrund der Straßenkunstregulierung fast ausschließlich im Rahmen von Festivals möglich ist, Straßenkunst zu zeigen, müssen diese ihre Verantwortung der Szene gegenüber wahrnehmen und sich mehr der Nachwuchsförderung widmen.

    Förderung

    Sabine Maringer kritisiert, dass es in Österreich keinen Fördertopf gibt, der explizit dem Straßentheater gewidmet ist, und dass der einzige passend scheinende Fördertopf von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) die Auseinandersetzung mit dem bespielten Raum zur Voraussetzung hat und daher nur für einzelne Projekte infrage kommt. Zum größten Teil muss Straßentheater in Österreich aber selbst finanziert werden, worunter die künstlerische Innovation leidet.

    Straßenkunstregulierung

    In Bezug auf die Straßenkunstregulierung beklagt Sabine Maringer die Unübersichtlichkeit der Gesetze, die in jeder österreichischen Stadt anders sind. In den meisten Städten würde der Aktionsradius und Variantenreichtum von Straßenkunst stark eingeschränkt – sie selbst könne in Österreich außer im Rahmen von Festivals gar nicht arbeiten. Sie fordert daher Gesetze, die es möglich machen, Straßenkunst in all ihren Ausprägungen zu präsentieren.

    Zum Abschuss ihres Vortrags zeigt Sabine Maringer einen Trailer, der deutlich machen soll, wie vielfältige Formen von Straßenkunst nebeneinander existieren und den sozialen Umgang positiv beeinflussen können: https://www.facebook.com/GDIFestival/videos/1856746624411997/

    ***
    Ökonomie / Professionalität / Räume
    Sebastian Berger

    Zu Beginn seines Vortrags hält Sebastian Berger fest, dass kein_e Performer_in in Österreich hauptberuflich vom Zeitgenössischen Zirkus leben kann. Es mangelt an Geld, Raum und Zeit. Eine eigene Förderschiene für Zeitgenössischen Zirkus vom BKA wurde vor drei Jahren eingerichtet – diese kann allerdings nur als ein erster Schritt betrachtet werden.

    Wieviel Zeit es braucht, im Bereich des Zeitgenössischen Zirkus zu arbeiten, wird oft unterschätzt: Die technischen Grundlagen müssen nicht nur erlernt werden, sondern das Erlernte danach auch wieder aufgebrochen werden, um etwas Eigenes daraus zu machen. An Räumen gibt es in Wien zwar eine hohe Dichte an für offene Trainings zur Verfügung stehenden Turnsälen, diese eignen sich allerdings nur für Basistrainings. Abgesehen davon brauchen die Zirkuskünstler_innen aber auch Räume, in denen sie ihre Kreationen entwickeln können, also Räume, die man nicht immer neu adaptieren muss, sondern wo man das notwendige – und oft schwere - Material auch stehen lassen kann, wo man außerdem die Möglichkeit hat, ungestört von anderen zu proben und mit Licht und Sound zu experimentieren. Die KAOS Zirkushalle, die gut ausgestattet war, kann seit 2014 wegen fehlender Förderungen nicht weiter betrieben werden. Übrig bleibt eine Blechhalle ohne Isolierung in Simmering, die im Winter wegen der Kälte nicht benutzbar ist und wo man im Sommer die metallenen Hängevorrichtungen der Hitze wegen mit Handschuhen anfassen muss. Viele Künstler_innen trainieren auch im Park.

    Es gibt einige Kooperationen mit Häusern der Tanz- und Performanceszene, die Residenzen anbieten (Freudenhaus Lustenau, Urhof 20, RawMatters, Tanzhotel) und im Hinblick auf Auftrittsmöglichkeiten erste Öffnungen im Rahmen von Künstlereinmietungen oder Programmierungen (Spielboden Vorarlberg, Stadttheater Wiener Neustadt, WUK, Theaterbrett, F23). Zirkusfestivals haben jedoch wenig Vertrauen in den österreichischen Zirkus (Ausnahmen: Winterfest, Urhof 20). Um mehr Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen, braucht es noch viel Aufklärungsarbeit darüber, was der Zeitgenössische Zirkus macht und braucht.

    Angesichts dieser Lage fordert Sebastian Berger

    • ein Ausbildungsprogramm für Zeitgenössischen Zirkus (das existierende Programm der Zirkusakademie Wien ist als Überblicksausbildung zu verstehen)
    • ein Zirkuszentrum, das Räume zur Verfügung stellt und Vernetzung fördert
    • Wiederaufnahme- sowie Tourförderungen, weil damit ein hoher Aufwand einhergeht. Außerdem Jahresförderungen, die es ermöglichen sollen, sich auf die künstlerische Arbeit konzentrieren zu können.
    • eine Dokumentierung der Aktivitäten der Szene und ein Archiv
    • zirkusspezifische Strukturen

    und weist darauf hin, dass nach den durch die ersten Fördermöglichkeiten erreichten Erfolgen mithilfe eines Ausbaus dieser Möglichkeiten noch viel Potential ausgeschöpft werden kann.

    ***
    Unterwegs
    Sabine Maringer, Sebastian Berger          

    Sabine Maringer fasst ihr Leben als Straßenkünstlerin so zusammen: Ein halbes Jahr vor dem Computer, 16.000 km Autofahrt pro Jahr, der Rest ist dem Arbeiten als Performerin gewidmet. Die Saison läuft für Straßenkünstler von Mai bis Ende September. In dieser Zeit geht es von Festival von Festival, wobei gesunde Ernährung oft eine Herausforderung darstellt, wenn die vom Veranstalter zu bezahlende Verpflegung aus Gutscheinen für Street Food besteht. Dass die Saison ab Oktober vorbei ist bedeutet jedoch nicht, dass nichts mehr zu tun wäre: Im Winter sind die Performer_innen mit administrativen Arbeiten, Rechnungen, Genehmigungen, und v.a. Akquise beschäftigt, denn für Festivals, die 12 Gruppen einladen, bewerben sich mitunter schon auch einmal 1.500, und Agenturen oder Projektleiter für Straßentheaterprojekte gibt es kaum. Das Netzwerk aus Kolleg_innen ist daher unverzichtbar – man hilft sich gegenseitig aus. Abgesehen von der unsicheren Einkommenssituation stellen für Straßenkünstler_innen oft auch mangelnde Versicherungsmöglichkeiten ein Problem dar. Und ohne Unfallversicherung kann eine Verletzung einem schnell mal die Saison ruinieren. Es ist daher kein Zufall, dass in der Szene fast alle kinderlos sind. Für Frauen ist die Situation noch einmal schlechter, denn die Festivals setzen hauptsächlich Männer aufs Programm, obwohl es viele Performerinnen gibt.

    Ulrike Kuner, Geschäftsführerin der IG Freie Theater, sind diese Problematiken bekannt: Der Frauenanteil an den Mitgliedern der IGFT (73%) zeigt, dass Frauen in der freien Szene generell überrepräsentiert sind, und auch die schwierige Vereinbarkeit von Kind und Beruf hält viele Künstler_innen davon ab, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. In Zusammenhang mit den im Workshop immer wieder angesprochenen prekären Lebensbedingungen weist Ulrike Kuner auf aktuelle Studien des LAFT Berlin und des Flanders Arts Institute, sowie erste Umfragen in Österreich hin, die gezeigt haben, dass das durchschnittliche jährliche Brutto-Bruttoeinkommen von freischaffenden Künstler_innen 16.000€ bis 24.000€ beträgt. Immerhin fangen Künstler_innen im Rahmen dieser Initiativen zum ersten Mal an, über ihre Einkommen zu sprechen und sich auszutauschen.

    Am Ende des Workshops erfolgt der Appell an die Teilnehmer_innen, die in den drei Stunden einen Einblick in die Bedingungen des Performer_innen-Daseins und damit zusammenhängende Problematiken erhalten haben: Gebt dieses Wissen weiter, tragt es hinaus, um der Szene zu helfen!

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  • „Frisch im Beruf“ - Was bedeutet es, in der freien Szene tätig zu sein? - FEMALE BURNING ISSUES

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    17.09.2018

    Mit Julia Kronenberg (IG Freie Theater), Barbara Kraus (Performerin) & Lisa Schwarzenbacher (Technikerin)

    Zum Einstieg in die Workshopreihe FEMALE BURNING ISSUES stellte Julia Kronenberg den Beratungsservice der IG vor und erzählte von den Anliegen, mit denen junge Künstler_innen zu ihr kommen: Versicherungen, Förderanträge, Vertragsverhältnisse, Künstlersozialversicherungsfond, etc. Anschließend erzählten Performerin Barbara Kraus und Veranstaltungstechnikerin Lisa Schwarzenbacher aus ihrer beruflichen Laufbahn und Tipps zum Einstieg in die freie Szene gegeben. Es ging um Vernetzung, die Überwindung der Kluft zwischen Künstler_innen"träumen" - und Technik und den Kampf für künstlerische Freiräume.

    • Leute & Strukturen kennen
    • „Fühler nach allen Seiten ausstrecken“ / „Unterwegs sein und spionieren“

    Wie wichtig es in der freien Szene ist, Leute und Strukturen zu kennen, machte Barbara Kraus im Laufe des Abends immer wieder deutlich. Doch was, wenn man als Künstler_in nicht permanent damit beschäftigt sein will, sich selbst zu vermarkten? Barbara Kraus gesteht selbst ein, dass sie diesen Part des Künstler_innen-Daseins immer gehasst hat. Aus ihren Erzählungen geht hervor: um kontinuierlichen Austausch und Kontakteknüpfen mit anderen in der Szene tätigen Menschen kommt man nicht herum, trotzdem lässt ein solches Vernetzen sich auch anders und individueller gestalten als der Begriff „Selbstvermarktung“ suggeriert.

    Ihr Tipp: Schaut euch viele Sachen an, geht zu Trainings oder Workshops, und: Es lohnt sich, die Fühler nach allen Seiten auszustrecken, statt nur auf ein Hauptinteresse fokussiert zu sein, denn alle Erfahrungen können sich als nützlich erweisen. (Oder, um es mit Lisa Schwarzenbachers Worten zu sagen: „Unterwegs sein und spionieren“.) Neuankömmlingen in der Wiener Freien Szene empfiehlt Barbara Kraus das niederschwellige Format Raw Matters im Schikaneder Kino. (Alle Menschen, die eine Idee haben, können sich dafür anmelden, Proberäume nutzen und ihre noch im Prozess befindliche Arbeit in einem Rahmen präsentieren, der wertschätzendes Feedback ermöglichen soll.)

    Der Austausch mit anderen hilft schließlich auch, das hochbürokratisierte Fördersystem zu durchblicken, Wissen über Einreichmöglichkeiten zu erlangen und aus den Erfahrungen anderer mit Projektanträgen und Kalkulationen zu lernen. In diesem Zusammenhang weist Barbara Kraus auch auf die IG Freie Theater, wo regelmäßig Infoveranstaltungen stattfinden und persönliche Beratungsgespräche vereinbart werden können, sowie auf die Wiener Perspektive, die in Kooperation mit der IG für bessere Arbeitsbedingungen in der freien Szene kämpft, hin.

    • Wie Bürokratie & Fördersysteme künstlerisches Arbeiten beeinflussen

    Bürokratie und der Umgang mit Fördersystemen beschäftigen auch die Teilnehmerinnen, und so sind diese dann noch weiter Thema, als Barbara Kraus von ihren Erfahrungen in der freien Szene im Wien der 90er-Jahre bis heute erzählt. Denn die Tendenz von (Mehr-)Jahresförderungen (die an Künstler_innen, die sich noch keinen Namen gemacht haben, ohnehin nicht vergeben werden) hin zu Projektförderungen bedingt und verändert auch das künstlerische Arbeiten. Die Voraussetzungen, um Förderungen zu bekommen und die Notwendigkeit, Arbeiten in Projektanträgen im Vorhinein zu definieren und zu Ende zu denken, geben nämlich einen ganz bestimmten Rahmen vor, in dem Kunst stattfinden kann. Hier gibt Barbara Kraus ein Plädoyer dafür ab, für den Freiraum von Kunst zu kämpfen und sich darauf einzulassen, wenn Projekte sich in ihrem Verlauf verändern (wichtig sei die Kommunikation von Änderungen mit der Förderstelle!).

    • Künstler*innentraum & Technik
    • Frauen in der Veranstaltungstechnik

    Auch Lisa Schwarzenbacher hat in ihrem Beruf mit Einschränkungen durch gesetzliche Vorgaben zu tun, denn das Wiener Veranstaltungsstättengesetz sei besonders streng. Als Lichttechnikerin, die eher durch Zufall in diesem Beruf gelandet ist, nachdem sie ursprünglich Bühnen- und Kostümbildnerin werden wollte, muss sie außerdem immer wieder zwischen künstlerischen Ideen und den realen technischen Möglichkeiten vermitteln. An dieser Stelle appelliert sie an die Teilnehmerinnen des Workshops, die alle von der künstlerischen Seite kommen, sich auch mit der Technik auseinanderzusetzen, um ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich Licht künstlerisch einsetzen lasse und um die Kommunikation mit den Technikern und Technikerinnen zu verbessern. Dass es von letzteren sehr wenige gebe, schreibt Lisa Schwarzenbacher einer fehlenden Ausbildungsstätte für Veranstaltungstechnik zu. Sie selbst hat als Aufbauhelferin angefangen und sich das technische Knowhow selbst angeeignet. Inzwischen ist sie oft an Projektleitungen von Großveranstaltungen beteiligt, kämpft sich aber immer wieder Zeit frei, um an künstlerischen Produktionen mitzuwirken, obwohl diese schlechter bezahlt werden. Ihr Arbeitsalltag bedeutet viel Unterwegs-Sein, unregelmäßige Arbeitszeiten und mitunter auch einmal 30 Stunden Durcharbeiten auf Festivals - ohne fließendes Wasser, doch das hat sie ihre Berufswahl nie infrage stellen lassen.

    Auch Barbara Kraus betont, dass man sich vom Künstler*innen-Dasein keine romantischen Vorstellungen machen dürfe: Sie habe oft ihre ganze Zeit und Energie in ihre Projekte gesteckt - Familie wäre sich für sie neben ihrer Tätigkeit als Performerin nicht ausgegangen, das sei für sie aber auch nie ein Thema gewesen. Alle, die die Vereinbarkeit von einer Tätigkeit in der freien Szene und Elternschaft sehr wohl beschäftigt, sind herzlich eingeladen, zum dritten Abend unserer Workshopreihe zum Thema „Kind und Beruf“ (und natürlich auch allen anderen Terminen) in die IG Freie Theater zu kommen.

    Das Projekt FEMALE BURNING ISSUES wurde vom MA57 - Frauenservice Wien unterstützt.

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    • Klagenfurt: Gesprächsabend PREKARIAT IM THEATER – Lokalaugenschein Kärnten
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    • Diskussion: WAS KANN SIE⋆ TUN? Vernetzungstreffen mit Anregungen für Theatermacher⋆innen
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    • Share & Care: Produktionsleiter_innen gesucht!
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    • Symposium: Dancers at Work
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    • Gespräche zur kulturellen Bildung: Theorie – Praxis – Wirkung
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    • Informationsveranstaltung: Vereinsgründung im Bereich der freien darstellenden Künste
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